Geschäftsperson in modernem Schweizer Büro mit Alpenpanorama im Hintergrund
Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung sichert nicht das nächste Diplom Ihre Karriere in der Schweiz, sondern die Beherrschung der unsichtbaren Spielregeln des Marktes.

  • Fachkompetenz ist die Eintrittskarte, doch kulturelle Passung und emotionale Intelligenz entscheiden über den Erfolg.
  • In einem ausgetrockneten Markt ist Ihr Wert nicht nur fachlich, sondern strategisch – das ist Ihr Hebel für signifikant höhere Lohnforderungen.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich weniger auf das Anhäufen von Qualifikationen und mehr auf das Demonstrieren von strategischem Wert und das Verstehen der schweizerischen Konsenskultur.

Der Schweizer Arbeitsmarkt präsentiert sich paradox: Während in einigen Branchen Stellen abgebaut werden, herrscht in Sektoren wie dem Gesundheitswesen und der IT ein akuter Fachkräftemangel. Viele Arbeitnehmer reagieren darauf mit dem naheliegenden Reflex: mehr Weiterbildungen, mehr Zertifikate, mehr Diplome. Man glaubt, dass eine längere Liste an Qualifikationen automatisch zu mehr Jobsicherheit und einem höheren Lohn führt. Dies ist die konventionelle Weisheit, die in unzähligen Karriere-Ratgebern wiederholt wird.

Doch was, wenn dieser Ansatz nur die halbe Wahrheit ist? Was, wenn die entscheidenden Faktoren, die eine Fachkraft in der Schweiz wirklich unentbehrlich machen, gar nicht im Lebenslauf stehen? Die Realität des hiesigen Arbeitsmarktes ist subtiler. Es geht weniger darum, *was* Sie wissen, sondern darum, *wie* Sie Ihr Wissen einsetzen, wie Sie sich in die spezifische Arbeitskultur integrieren und wie Sie Ihren Wert strategisch kommunizieren. Reine Fachkompetenz ist eine Grundvoraussetzung, aber kein Garant für den Aufstieg.

Dieser Artikel bricht mit den üblichen Platitüden. Statt Ihnen zu raten, einfach „lebenslang zu lernen“, zeigen wir Ihnen die taktischen Hebel, die wirklich einen Unterschied machen. Wir tauchen ein in die ungeschriebenen Gesetze der schweizerischen Arbeitswelt, von der Macht der emotionalen Intelligenz im Vorstellungsgespräch über die Kunst der Lohnverhandlung in Mangelberufen bis hin zu den subtilen Integrationsfallen, die selbst die besten Talente zu Fall bringen können. Sie werden lernen, den Arbeitsmarkt nicht als Bedrohung, sondern als Spielfeld strategischer Möglichkeiten zu sehen.

Der folgende Leitfaden ist strukturiert, um Ihnen eine klare, taktische Roadmap zu geben. Von der Analyse der Marktdynamik bis zur langfristigen Karriereplanung decken wir die entscheidenden Phasen ab, um Ihren Wert nicht nur zu erhalten, sondern signifikant zu steigern.

Warum suchen IT- und Gesundheitswesen händeringend Personal, während andere Branchen abbauen?

Auf den ersten Blick scheint der Schweizer Arbeitsmarkt widersprüchlich. Während einige Unternehmen Restrukturierungen ankündigen, melden andere Rekordlücken bei den Fachkräften. Dieser scheinbare Widerspruch ist jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis tiefgreifender struktureller Verschiebungen. Die Digitalisierung und der demografische Wandel sind die zwei Haupttreiber, die den Markt polarisieren. Branchen, die auf diesen Wellen reiten – wie IT und Gesundheitswesen – erleben einen unstillbaren Durst nach Talenten, während traditionellere Sektoren unter Anpassungsdruck geraten.

Interessanterweise zeigt sich, dass sich der allgemeine Fachkräftemangel leicht entspannt hat. Laut dem Fachkräftemangel-Index der Universität Zürich ist die Knappheit im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Dies bedeutet jedoch keine Entwarnung für alle. Die Verschiebung ist qualitativ: Während der Bedarf an Generalisten sinkt, spitzt sich die Lage bei hochspezialisierten Profilen dramatisch zu. Besonders im Gesundheitswesen bleibt die Situation kritisch. Eine Analyse von SRF bestätigt, dass Spezialisten wie Ärztinnen, Pflegefachkräfte und Apotheker dringender gesucht werden als je zuvor.

Für Ihre Karriereplanung bedeutet das: Es reicht nicht mehr, in einer „sicheren“ Branche zu sein. Sie müssen verstehen, wo die strategischen Engpässe liegen. Dies sind nicht nur Jobs, sondern spezifische Fähigkeitsprofile, die für Unternehmen erfolgskritisch sind. Zu den Top-Mangelberufen gehören aktuell nicht nur Pflegefachkräfte, sondern auch Baupoliere, spezialisierte Handwerker sowie MINT-Fachkräfte, insbesondere in der MEM-Industrie (Maschinen, Elektro und Metall). Ihre Aufgabe ist es, Ihre eigene Laufbahn an diesen realen, ungedeckten Bedürfnissen des Marktes auszurichten, statt blind einem Branchentrend zu folgen.

Wie kompensieren Sie fehlende Diplome durch emotionale Intelligenz im Vorstellungsgespräch?

In der Schweiz, einem Land, das grossen Wert auf formale Qualifikationen legt, mag es kontraintuitiv klingen, aber ein fehlendes Diplom ist kein automatisches K.o.-Kriterium. Oft ist die kulturelle Passung – die Fähigkeit, sich nahtlos in ein Team und die Unternehmenswerte einzufügen – für Arbeitgeber entscheidender als eine weitere Zeile im Lebenslauf. Hier kommt die emotionale Intelligenz (EQ) ins Spiel. Sie ist der Schlüssel, um im persönlichen Gespräch zu beweisen, dass Sie nicht nur fachlich, sondern auch menschlich die richtige Besetzung sind.

Emotionale Intelligenz manifestiert sich im Bewerbungsprozess durch aktives Zuhören, Empathie und Selbstwahrnehmung. Anstatt eine Frage nur technisch korrekt zu beantworten, zeigen Sie, dass Sie die dahinterliegende Sorge oder das Geschäftsproblem verstanden haben. Statt nur Ihre Erfolge aufzuzählen, demonstrieren Sie Bescheidenheit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Das Bild unten illustriert diese subtile, aber kraftvolle Form der Kommunikation.

Nahaufnahme eines aufmerksamen Zuhörers im Geschäftsgespräch

Wie Sie auf dem Bild sehen, geht es um mehr als nur um Worte. Es geht um Augenkontakt, eine offene Haltung und nonverbale Signale, die Vertrauen und Verständnis signalisieren. Schweizer Arbeitgeber legen grossen Wert auf die berühmte Konsenskultur. Ein Kandidat, der zeigt, dass er zuhören, Kompromisse finden und im Team agieren kann, ist oft wertvoller als ein fachlich brillanter, aber arroganter Solist. In der Schweizer Arbeitswelt, so betont auch die Redaktion von Auswandern Schweiz, haben Werte wie Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit einen extrem hohen Stellenwert. Vermeiden Sie jede Form von Überheblichkeit und sprechen Sie überlegt über Ihre Ziele und Gehaltsvorstellungen.

Mut zur Lücke: Wie fordern Sie 15% mehr Lohn, wenn Sie wissen, dass der Markt leergefegt ist?

Die Lohnverhandlung ist der Moment der Wahrheit, in dem sich Ihr Marktwert materialisiert. In einem angespannten Arbeitsmarkt, wo Ihr Profil heiss begehrt ist, sitzen Sie an einem längeren Hebel, als Sie vielleicht denken. Es geht nicht darum, unverschämt zu sein, sondern darum, die Machtdynamik zu verstehen und selbstbewusst, aber faktenbasiert aufzutreten. Der Schlüssel liegt darin, Ihre Forderung nicht als Wunsch, sondern als logische Konsequenz des Marktgeschehens zu präsentieren.

Ihre Vorbereitung ist alles. Kennen Sie die branchenüblichen Lohnbänder und den aktuellen Medianlohn in der Schweiz. Daten des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes geben hier eine gute Orientierung, um Ihre Forderung im Gesamtkontext zu verankern. Der entscheidende Schritt ist jedoch, Ihre spezifische Situation zu analysieren. Sie fordern nicht einfach „mehr Geld“, sondern einen Lohn, der den strategischen Wert widerspiegelt, den Sie für das Unternehmen in einer Mangelsituation darstellen. Sie sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern die Lösung für ein dringendes Problem.

Die folgende Tabelle zeigt auf, wie der Verhandlungsspielraum je nach Branche und Mangelsituation variiert. Diese Daten verdeutlichen, dass in Sektoren mit extrem hohem Fachkräftemangel, wie dem Gesundheitswesen, ein Aufschlag von 15-20% auf den Durchschnittslohn durchaus realistisch sein kann, wenn die Qualifikation und Erfahrung stimmen.

Lohnvergleich nach Qualifikation und Mangelsituation
Berufsgruppe Fachkräftemangel-Index Durchschnittslohn Verhandlungsspielraum
Gesundheitswesen Sehr hoch 6’500-8’500 CHF 15-20%
IT-Spezialisten Entspannt (2025) 7’000-9’000 CHF 5-10%
Baupoliere Hoch 6’000-7’500 CHF 10-15%

Argumentieren Sie mit Ihrem „Werthebel“: Quantifizieren Sie, was das Unternehmen durch Ihre Einstellung gewinnt oder durch eine unbesetzte Stelle verliert (z. B. Projektverzögerungen, Umsatzeinbussen). Präsentieren Sie Ihre Forderung ruhig und professionell als faire Kompensation für die Lösung dieses Problems. Sagen Sie zum Beispiel: „Angesichts der aktuellen Marktlage und des spezifischen Bedarfs in diesem Bereich halte ich ein Gehalt von X für eine angemessene Reflexion des Wertes, den ich einbringe.“

Der Fehler am ersten Arbeitstag, der neue Fachkräfte in der Probezeit wieder kündigen lässt

Die fachlichen Hürden sind gemeistert, der Vertrag ist unterschrieben. Viele, insbesondere ausländische Fachkräfte, glauben, das Schwierigste sei geschafft. Doch die Probezeit in der Schweiz ist ein Minenfeld aus ungeschriebenen sozialen Regeln. Der grösste Fehler, den neue Mitarbeitende begehen, ist die Annahme, dass Leistung allein ausreicht. Sie ignorieren die Integrationsfallen, die oft aus einem Mangel an kulturellem Verständnis resultieren und schnell zu Isolation und letztlich zur Kündigung führen können.

Einer der häufigsten Fehler ist die Missachtung der Hierarchie und der lokalen Umgangsformen. In vielen deutschen Unternehmen ist das „Du“ schnell etabliert. In der Schweiz ist das Duzen von Vorgesetzten ohne explizite Einladung ein absolutes No-Go und wird als respektlos empfunden. Ebenso fatal ist es, am ersten Tag mit radikalen Veränderungsvorschlägen aufzutreten. Selbst wenn die Ideen brillant sind, werden sie als Arroganz und Missachtung der bestehenden Arbeit und der Konsenskultur wahrgenommen. Der Schweizer Weg ist inkrementell und konsensorientiert, nicht disruptiv.

Die subtile Kunst der Integration liegt darin, die informellen Rituale zu respektieren. Die gemeinsame „Znüni“- oder Kaffeepause ist kein optionaler Zeitvertreib, sondern ein zentrales Instrument für den informellen Austausch und den Beziehungsaufbau. Wer sich hier ausklinkt, schliesst sich selbst aus dem Team aus. Folgende Punkte sind die häufigsten Stolpersteine in der Anfangsphase:

  • Vorschnelles Duzen von Vorgesetzten ohne Einladung
  • Radikale Veränderungsvorschläge am ersten Tag präsentieren
  • Nicht-Teilnahme an informellen Ritualen wie Znüni-Pausen
  • Arrogantes Auftreten und Missachtung der Konsenskultur
  • Ignorieren der kantonalen Unterschiede in der Arbeitskultur

Der Schlüssel zum Erfolg ist Beobachtung und Anpassung. Zeigen Sie Initiative und Interesse, aber tun Sie dies mit Bescheidenheit und Respekt für das Bestehende. Fragen Sie nach den Gründen für bestehende Prozesse, bevor Sie sie kritisieren. Bauen Sie Beziehungen auf, bevor Sie versuchen, Strukturen zu verändern. Wer diese Balance meistert, beweist nicht nur fachliche, sondern auch soziale Kompetenz – und wird als echter Gewinn für das Team wahrgenommen.

Wann lohnt sich der Aufwand, Spezialisten aus der EU/EFTA in die Schweiz zu holen?

Für Schweizer Unternehmen stellt sich oft die Frage: Sollen wir den zusätzlichen administrativen und integrativen Aufwand betreiben, um eine Fachkraft aus dem EU/EFTA-Raum zu rekrutieren? Die Antwort aus strategischer HR-Sicht ist klar: Ja, aber nur, wenn es sich um einen strategischen Engpass handelt, der mit lokalen Talenten nicht oder nur zu unverhältnismässig hohen Kosten geschlossen werden kann. Der Aufwand lohnt sich immer dann, wenn die unbesetzte Stelle das Wachstum bremst, Projekte blockiert oder die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

Dank der Personenfreizügigkeit ist der Prozess für Bürger aus den EU-Ländern vergleichsweise unkompliziert. Statt einer aufwendigen Arbeitsbewilligung benötigen sie lediglich eine Aufenthaltsbewilligung, die in der Regel mit einem gültigen Arbeitsvertrag erteilt wird. Dies macht einen riesigen Pool an qualifizierten Fachkräften zugänglich. Der Aufwand für das Unternehmen liegt also weniger im Juristischen als im Kulturellen: Ein erfolgreiches Onboarding und die Integration in die Schweizer Arbeitswelt sind entscheidend, um die Investition langfristig zu sichern.

Der Nutzen geht oft über die reine Stellenbesetzung hinaus. Internationale Talente bringen neue Perspektiven, Methoden und Netzwerke mit, die für ein Unternehmen von grossem Wert sein können. Sie können helfen, neue Märkte zu erschliessen oder interne Prozesse zu innovieren. Die Rekrutierung aus dem Ausland ist also nicht nur eine Notlösung bei Fachkräftemangel, sondern kann eine bewusste strategische Entscheidung zur Stärkung der Innovationskraft sein. Die Herausforderung für HR besteht darin, Kandidaten zu finden, die nicht nur die fachlichen Anforderungen erfüllen, sondern auch die nötige Offenheit und Anpassungsfähigkeit für die Schweizer Kultur mitbringen.

Mit 45 noch einmal neu anfangen: Wie gelingt der radikale Branchenwechsel ohne Sozialabstieg?

Ein Branchenwechsel in der Mitte der Karriere wird oft mit Abstiegsängsten verbunden: Lohnkürzungen, Verlust von Status, Wiederanfang als Junior. Doch in der aktuellen Marktlage kann ein solcher Schritt auch eine strategische Neupositionierung sein – weg von einer schrumpfenden Branche, hin zu einem Sektor mit akutem Fachkräftemangel. Der Schlüssel zum Erfolg ohne Sozialabstieg liegt nicht darin, bei null anzufangen, sondern darin, die vorhandenen Kompetenzen geschickt zu transferieren und gezielt zu ergänzen.

Der erste und wichtigste Schritt ist eine radikal ehrliche Analyse der übertragbaren Kompetenzen. Ein Projektleiter aus der Werbebranche mag keine Ahnung von Medizintechnik haben, aber er hat jahrelange Erfahrung in Budgetverwaltung, Teamführung und Stakeholder-Kommunikation. Diese „Meta-Fähigkeiten“ sind in Mangelbranchen oft Gold wert, da dort viele Fachexperten, aber wenige gute Manager zu finden sind. Es geht darum, diese Fähigkeiten zu identifizieren und im Lebenslauf und Gespräch gezielt als Lösung für die Probleme der neuen Branche zu „verkaufen“.

Der zweite Hebel ist die gezielte Weiterbildung. Statt eines jahrelangen neuen Studiums sind oft fokussierte Zertifikatslehrgänge (CAS/DAS) oder praxisorientierte Kurse ausreichend, um die fehlende Fachkompetenz aufzubauen und die Brücke in den neuen Sektor zu schlagen. Parallel dazu ist der systematische Aufbau eines Netzwerks in der Zielbranche unerlässlich. Informationsgespräche und der Besuch von Fachtagungen sind wichtiger als das Versenden von hunderten Blindbewerbungen. Wie die Expertin Antoinette Weibel betont, muss die erste Strategie immer lauten: „Personalentwicklung“. Es ist eine Investition in die eigene Zukunftsfähigkeit.

Ihr Aktionsplan für den erfolgreichen Branchenwechsel

  1. Übertragbare Kompetenzen analysieren: Erstellen Sie eine Liste Ihrer Kernkompetenzen (z.B. Projektmanagement, Budgetverantwortung, Verhandlungsführung) und formulieren Sie diese branchenunabhängig.
  2. Mangelberufe gezielt ansteuern: Recherchieren Sie, welche Mangelberufe zu Ihren übertragbaren Kompetenzen passen, und identifizieren Sie die nötigen fachlichen Zusatzqualifikationen.
  3. Netzwerk systematisch aufbauen: Suchen Sie über LinkedIn oder Xing Kontakt zu Personen in Ihrer Zielbranche und bitten Sie um kurze Informationsgespräche, um Einblicke zu gewinnen.
  4. Weiterbildung strategisch planen: Wählen Sie eine Weiterbildung (z.B. CAS), die Ihnen das nötige Fachwissen vermittelt und als klarer Eintrittspunkt in die neue Branche dient.
  5. Pensionskassen-Strategie prüfen: Konsultieren Sie einen Experten, um die Auswirkungen eines potenziell vorübergehend tieferen Lohns auf Ihre Pensionskasse zu verstehen und Einkäufe strategisch zu planen.

Ein Brücken-Job, beispielsweise eine Teilzeit-Beratungstätigkeit im neuen Feld, kann ebenfalls eine elegante Übergangslösung sein. Er ermöglicht es Ihnen, Praxiserfahrung zu sammeln und Ihren Marktwert zu beweisen, bevor Sie den vollständigen Sprung wagen. So wird der Wechsel nicht zum Sprung ins kalte Wasser, sondern zu einem kalkulierten und strategischen Karriereschritt.

Wie bekommen Sie den Software-Ingenieur aus Indien legal in die Schweiz?

Die Rekrutierung hochqualifizierter Spezialisten aus Drittstaaten wie Indien ist die Königsdisziplin im Schweizer „War for Talent“. Anders als bei EU/EFTA-Bürgern unterliegt die Zuwanderung strengen, kontingentierten Regelungen. Ein Unternehmen kann nicht einfach einen talentierten Ingenieur einstellen; es muss nachweisen, dass diese Person für die Schweizer Wirtschaft unentbehrlich ist und die benötigte Fähigkeit weder in der Schweiz noch im gesamten EU/EFTA-Raum gefunden werden konnte.

Der Prozess ist anspruchsvoll und erfordert eine lückenlose Dokumentation. Der Arbeitgeber muss einen sogenannten „Inländervorrang“ nachweisen. Das bedeutet, er muss belegen, dass er intensiv, aber erfolglos auf dem lokalen und europäischen Arbeitsmarkt nach einer geeigneten Person gesucht hat. Nur wenn dieser Nachweis erbracht ist und die Person über eine ausserordentliche, hochspezialisierte Qualifikation verfügt (in der Regel ein Hochschulabschluss auf Master- oder PhD-Niveau), besteht eine Chance, eine der begehrten Arbeitsbewilligungen aus dem limitierten Drittstaaten-Kontingent zu erhalten.

Besonders gute Karten haben Absolventen von Schweizer Spitzenuniversitäten wie der ETH Zürich oder der EPFL Lausanne. Der Schweizerische Arbeitgeberverband unterstützt aktiv Vereinfachungen, damit in der Schweiz ausgebildete Drittstaatenangehörige leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Für Unternehmen bedeutet das: Die Investition in die Betreuung von Master- oder Doktorarbeiten von internationalen Studierenden kann ein strategischer Weg sein, um zukünftige Talente frühzeitig zu identifizieren und an sich zu binden.

Die Hürden sind also hoch, aber nicht unüberwindbar. Der Aufwand lohnt sich für Unternehmen nur dann, wenn es sich um eine absolute Schlüsselposition handelt, deren Besetzung für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens von existenzieller Bedeutung ist. Es ist ein hochstrategischer Akt, kein alltäglicher Rekrutierungsprozess.

Das Wichtigste in Kürze

  • Unverzichtbarkeit entsteht durch das Meistern der schweizerischen Konsenskultur, nicht nur durch Fachwissen.
  • In Mangelberufen verhandeln Sie nicht über Ihren Lohn, sondern über den strategischen Wert, den Sie einbringen.
  • Die grössten Karriere-Killer sind nicht fachliche Lücken, sondern subtile Fehler bei der kulturellen Integration.

Wie bleiben Sie bis zur Pensionierung fit für den Arbeitsmarkt?

In einer Arbeitswelt, die sich rasant wandelt, ist die Vorstellung, bis zur Pensionierung im selben Job oder gar bei derselben Firma zu bleiben, ein Relikt aus der Vergangenheit. Die wahre Herausforderung ist nicht, einen Job zu behalten, sondern die eigene Beschäftigungsfähigkeit („Employability“) über Jahrzehnte hinweg aktiv zu managen. Angesichts eines durchschnittlichen Erwerbsaustrittsalters, das laut Bundesamt für Statistik bei 65,5 Jahren liegt, und einer Arbeitswelt, die konstant neue Fähigkeiten fordert, ist dies keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Die Strategie dafür lässt sich in einem Begriff zusammenfassen: lebenslanges Lernen. Doch dies bedeutet nicht, wahllos Kurse zu belegen. Es geht um eine kontinuierliche, strategische Weiterentwicklung, die drei Bereiche abdeckt: Vertiefung der Kernkompetenzen, Erweiterung um angrenzende Fähigkeiten und den Aufbau von „Zukunfts-Skills“ wie Datenanalyse, agiles Projektmanagement oder interkulturelle Kommunikation. Es ist ein proaktiver Prozess der Antizipation: Welche Fähigkeiten wird meine Branche in fünf Jahren benötigen? Wo entstehen neue Rollen, für die ich mich heute schon positionieren kann?

Der demografische Wandel wird diesen Druck weiter erhöhen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) prognostiziert in einer Analyse, dass bis in zehn Jahren bis zu 400’000 Arbeitskräfte fehlen könnten. Dies verwandelt den heutigen Fachkräftemangel in einen allgemeinen Arbeitskräftemangel. Für ältere Arbeitnehmer ist dies eine immense Chance – vorausgesetzt, sie haben ihre Fähigkeiten auf dem neuesten Stand gehalten. Unternehmen werden gezwungen sein, stärker in die Entwicklung ihrer bestehenden Belegschaft zu investieren und erfahrene Mitarbeitende als wertvolles Gut zu betrachten.

Ihre Karriere ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Planen Sie Ihre Weiterbildung wie ein Portfolio-Manager: diversifizieren Sie Ihre Fähigkeiten, investieren Sie regelmässig und passen Sie Ihre Strategie den Marktveränderungen an. So werden Sie nicht zum alten Eisen, sondern zum gefragten, erfahrenen Strategen, der bis zum letzten Arbeitstag einen unschätzbaren Wert für jedes Unternehmen darstellt.

Um langfristig relevant zu bleiben, ist es entscheidend, die Prinzipien der kontinuierlichen Anpassung an den Arbeitsmarkt zu meistern.

Häufige Fragen zum Schweizer Arbeitsmarkt

Welche Qualifikation braucht ein Drittstaaten-Spezialist?

Ein Master- oder PhD-Abschluss von einer Schweizer Top-Universität (ETH/EPFL) erhöht die Chancen drastisch. Grundsätzlich ist ein anerkannter Hochschulabschluss die Mindestanforderung.

Wie hoch sind die Kontingente für Nicht-EU/EFTA-Bürger?

Die Kontingente sind extrem limitiert und werden jährlich vom Bundesrat festgelegt. Sie sind ausschliesslich für unentbehrliche, hochqualifizierte Spezialisten reserviert, die einen wesentlichen Beitrag zur Schweizer Wirtschaft leisten.

Was muss der Arbeitgeber nachweisen?

Der Arbeitgeber muss den „Inländervorrang“ lückenlos nachweisen. Das bedeutet, er muss belegen, dass die benötigte Fähigkeit weder auf dem Schweizer Arbeitsmarkt noch im gesamten EU/EFTA-Raum verfügbar ist. Dies erfordert meist den Nachweis von erfolglosen Stellenausschreibungen.

Geschrieben von Daniel Bindschedler, Berufsbildungsexperte und HR-Strategist, spezialisiert auf das Schweizer Dualsystem und Karriereplanung. Ehemaliger Leiter Personalentwicklung in einem grossen Industrieunternehmen.