Nächtlicher Betrieb eines modernen Logistikzentrums im Schweizer Mittelland mit automatisierten Förderbändern
Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Lieferung am nächsten Tag ist kein Service, sondern das Ergebnis eines präzisen, aber brutalen Prozess-Kalküls im Schweizer Mittelland.

  • Geografische Konzentration an der A1 und Roboter-Automatisierung sind die Treiber der Geschwindigkeit.
  • Die Effizienz hat einen Preis: systembedingte Retouren-Vernichtung und enormer Druck auf Arbeitskräfte und Infrastruktur.

Empfehlung: Das Verständnis dieser Mechanismen ist entscheidend, um die wahren Kosten und Chancen der E-Commerce-Logistik zu bewerten.

Der Klick auf „Jetzt kaufen“ löst eine kaum sichtbare, aber gewaltige Mechanik aus. Weniger als 24 Stunden später klingelt es an der Tür – das Paket ist da. Für viele Konsumenten ist die Next-Day-Lieferung eine selbstverständliche Magie des digitalen Zeitalters. Für E-Commerce-Manager ist sie ein knallhart kalkulierter Wettbewerbsvorteil. Doch hinter dieser Geschwindigkeit verbirgt sich kein Zauber, sondern eine hocheffiziente und gleichzeitig fragile Maschine aus Beton, Software, Robotik und menschlicher Arbeitskraft, die vor allem im Schweizer Mittelland auf Hochtouren läuft.

Die üblichen Erklärungen kratzen nur an der Oberfläche: Man spricht von guter Lage und schneller Verarbeitung. Doch diese Vereinfachungen übersehen die komplexen Prozess-Trade-offs. Wenn wir über die Logistik des Onlinehandels sprechen, denken wir oft an Lieferwagen auf der letzten Meile. Aber das eigentliche Herzstück, das Logistik-Rückgrat der Schweiz, schlägt entlang der Autobahn A1, wo gigantische Verteilzentren den Takt vorgeben. Was passiert wirklich in diesen Hallen, nachdem eine Bestellung eingegangen ist? Die Antwort liegt in einem System, das auf maximale Effizienz getrimmt ist – mit all ihren Konsequenzen.

Dieser Artikel blickt hinter die Kulissen. Wir sezieren den Mechanismus der Next-Day-Lieferung und decken die strategischen Entscheidungen auf, die ihn ermöglichen. Statt nur die Vorteile der Geschwindigkeit zu preisen, analysieren wir die dahinterliegenden Prozesse: von der strategischen Standortwahl über die kalte Effizienz der Robotik bis hin zur ungeschönten Wahrheit über Retouren. Es geht darum, zu verstehen, was die Lieferung am nächsten Tag wirklich kostet – in Franken, in Infrastrukturbelastung und in Arbeitsbedingungen. Wir zeigen auf, wie dieses System funktioniert, wo seine Sollbruchstellen liegen und wie Sie als E-Commerce-Manager die richtigen Hebel für Ihr eigenes Geschäft ansetzen können.

Um die komplexen Zusammenhänge der Schweizer E-Commerce-Logistik zu verstehen, haben wir diesen Artikel in acht Kernbereiche gegliedert. Jeder Abschnitt beleuchtet eine kritische Facette des Systems, das die Lieferung am nächsten Tag erst möglich macht.

Warum ballen sich alle Verteilzentren entlang der A1 und was bedeutet das für den Stau?

Die Antwort auf die Frage nach dem Standort der Schweizer Logistikzentren ist eine Lektion in Geografie und Effizienz. Das Logistik-Rückgrat der Nation ist die Achse zwischen Härkingen und Oftringen im Mittelland. Hier, in unmittelbarer Nähe zur Autobahn A1 und zum Eisenbahnknotenpunkt Olten, konzentriert sich eine beispiellose Dichte an Verteilzentren. Der Grund ist simpel: Von diesem Punkt aus sind die grossen urbanen Zentren wie Zürich, Bern, Basel und Luzern per LKW schnell erreichbar, und auch die Westschweiz ist effizient angebunden. Es ist der geografische Sweet Spot für eine landesweite Distribution.

Grosse Player wie Post, Coop, Migros und Planzer haben hier ihre Lagergiganten errichtet. Eine SRF-Recherche zeigt, dass diese Unternehmen ihre Zentren oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt betreiben. Diese Konzentration ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer knallharten Kalkulation zur Minimierung von Transportzeiten und -kosten. Die Nähe zur A1 ermöglicht es, die Cut-off-Zeiten für Next-Day-Lieferungen so spät wie möglich anzusetzen und die Pakete dennoch über Nacht in die regionalen Verteilbasen zu bringen.

Velokurier navigiert durch Zürcher Altstadt für Same-Day Delivery

Doch diese Effizienz hat einen sichtbaren Preis: chronische Verkehrsüberlastung. Jeder Online-Einkauf generiert LKW-Fahrten – zum Zentrum hin und von dort weg. Die A1 im Bereich Aargau/Solothurn ist einer der meistbefahrenen Abschnitte der Schweiz, und der Logistik-Boom verschärft die Situation täglich. Die Konzentration maximiert zwar die Effizienz für die einzelnen Unternehmen, externalisiert aber die Kosten in Form von Stau, Lärm und Emissionen auf die Allgemeinheit. Es ist ein klassischer Prozess-Trade-off: Die interne Optimierung eines Sektors führt zur externen Belastung der öffentlichen Infrastruktur.

Wie finden Roboter Ihr Paket schneller als jeder Mensch?

Betritt man ein modernes Logistikzentrum, betritt man eine Welt der orchestrierten Automation. Die Geschwindigkeit, mit der ein spezifischer Artikel aus Hunderttausenden von Produkten gefunden wird, ist menschlich nicht mehr zu leisten. Die Lösung liegt in automatisierten Lager- und Kommissioniersystemen, oft als „Goods-to-Person“-Technologie bezeichnet. Anstatt dass ein Mitarbeiter zum Regal geht, bringt ein Roboter das richtige Regal – oder besser gesagt, den richtigen Behälter – zum Mitarbeiter. Das prominenteste Beispiel für diese Technologie ist das AutoStore-System.

Stellen Sie sich ein riesiges Gitter aus Aluminium vor, das bis unter die Decke mit Tausenden von standardisierten Behältern gefüllt ist. Auf diesem Gitter schwärmen flache, schnelle Roboter. Erhält das System einen Auftrag, koordiniert die Software die nächstgelegenen Roboter. Sie heben die über dem Zielbehälter liegenden Kisten an, graben sich blitzschnell zur richtigen Kiste durch und transportieren sie zu einem Kommissionierplatz, dem sogenannten „Port“. Dort entnimmt ein Mitarbeiter den bestellten Artikel und der Roboter bringt den Behälter zurück ins Gitter. Dieser Prozess ist um ein Vielfaches schneller und platzsparender als jedes manuelle Regalsystem.

Nahaufnahme eines AutoStore-Robotersystems in Aktion in einem Schweizer Lager

Die Automationsdichte in Schweizer Logistikzentren ist eine direkte Antwort auf die hohen Lohnkosten. Führende Logistikdienstleister wie FIEGE setzen auf solche Lösungen, wie Martin Heinrich, Head of Branch bei FIEGE in Bülach, bestätigt:

While the ground floor is to store mainly pallets in high-bay storage installations, FIEGE is planning an Autostore on the upper floor as an automated warehouse solution.

– Martin Heinrich, Head of Branch at FIEGE Bülach

Diese Systeme finden nicht nur ein Paket schneller; sie reduzieren die Fehlerquote drastisch und ermöglichen eine 24/7-Operation mit minimalem Personalaufwand. Sie sind das pochende Herz, das die Geschwindigkeit der Next-Day-Lieferung erst ermöglicht.

Der Fehler im Prozess, der die Vernichtung von Retouren billiger macht als die Neuverpackung

Die Kehrseite der bequemen Online-Bestellung ist die Retoure. Im Schweizer E-Commerce ist die Rücksendequote enorm. Auf 75,6 Millionen versandte Pakete kamen zuletzt fast 17,4 Millionen Retouren, was einer Quote von rund 23 % entspricht. Jede dieser Rücksendungen löst einen kostspieligen Prozess aus, der einen fundamentalen Fehler im System offenbart: In vielen Fällen ist die Vernichtung der Ware wirtschaftlicher als ihre Wiederaufbereitung.

Der Prozess der Retourenabwicklung ist personalintensiv. Ein Mitarbeiter muss das Paket annehmen, öffnen, den Inhalt prüfen, den Zustand bewerten und entscheiden, was als Nächstes geschieht. Ein konkretes Beispiel liefert Digitec Galaxus: In ihrem Retourenzentrum in Dintikon sind rund 70 % der Rücksendungen noch originalverpackt und können direkt wieder eingelagert werden. Die restlichen 30 % erfordern eine detaillierte Prüfung: Ist der Artikel unversehrt? Ist die Verpackung beschädigt? Fehlt Zubehör? Jeder dieser Schritte kostet Zeit und damit Geld – in einem Hochlohnland wie der Schweiz besonders viel.

Hier greift der brutale Prozess-Trade-off: Übersteigen die Kosten für Prüfung, Reinigung, Neuverpackung und Wiedereinlagerung den Restwert des Artikels, ist die Entsorgung die logische betriebswirtschaftliche Konsequenz. Die durchschnittlichen Kosten pro Retoure liegen in der DACH-Region zwischen 5 und 10 Euro. Bei einem niedrigpreisigen Produkt ist die Marge schnell aufgebraucht. Eine Studie der Schweizerischen Post zeigt, dass 29 % der Schweizer Online-Shops retournierte Ware vernichten, wobei Beschädigung der häufigste Grund ist (68 %). Dies ist keine böswillige Verschwendung, sondern eine kalte Prozessentscheidung, die durch die auf maximale Effizienz getrimmte Outbound-Logistik provoziert wird.

Akkordarbeit oder fairer Lohn: Wie sieht die Realität für den Packer aus?

Die Logistik-Hubs im Mittelland sind nicht nur Beton- und Stahlgiganten, sondern auch bedeutende Arbeitgeber. Allein in der Region Härkingen wurden in den letzten zehn Jahren rund 1500 neue Arbeitsplätze geschaffen. Der Direktor der Solothurner Handelskammer betont, dass jede fünfte neu geschaffene Stelle im Kanton Solothurn in der Logistik angesiedelt ist. Diese Zahlen zeigen die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors, werfen aber auch ein Licht auf die Art der geschaffenen Arbeitsplätze.

Die Realität für einen Lagermitarbeiter, oft als „Packer“ oder „Kommissionierer“ bezeichnet, ist von Effizienzdruck geprägt. In nicht oder nur teilautomatisierten Bereichen ist die Arbeit oft körperlich anstrengend und repetitiv. Die Leistung wird häufig über Kennzahlen wie „Picks pro Stunde“ gemessen, was einem faktischen Akkorddruck gleichkommt. Der Lohn bewegt sich dabei oft am unteren Ende der Skala für ungelernte Kräfte, was den Job für viele zu einer Übergangslösung macht und die Fluktuation hoch hält.

Gleichzeitig eröffnet die zunehmende Technologisierung aber auch neue Perspektiven. Die Logistikbranche ist nicht mehr nur ein Ort für einfache manuelle Tätigkeiten. Es entstehen neue Berufsbilder und Karrierewege, die mehr Qualifikation erfordern, aber auch bessere Entwicklungschancen bieten. Ein Einstieg als Lagerarbeiter muss keine Sackgasse sein. Folgende Karrierewege sind in der modernen Schweizer Lagerlogistik möglich:

  • Einstieg als Lagerarbeiter mit grundlegenden Aufgaben wie Kommissionierung und Verpackung.
  • Weiterbildung zum Logistiker EFZ für anspruchsvollere Planungs- und Steuerungsaufgaben.
  • Aufstieg zum Logistikkoordinator oder Teamleiter mit Personalverantwortung.
  • Spezialisierung auf die Steuerung und Wartung von Automationssystemen als Robotik-Flottenmanager oder Wartungstechniker.
  • Nutzung betrieblicher Weiterbildungsangebote, um sich für komplexere Aufgaben in der Supply Chain zu qualifizieren.

Die Realität ist also ambivalent: Einerseits gibt es den Druck der kosteneffizienten Massenabfertigung, andererseits entstehen durch die Automation neue, anspruchsvollere Rollen, die eine Transformation der Arbeitsanforderungen in der Logistik einläuten.

Wann lohnt sich die Lieferung am gleichen Tag für einen Schweizer Onlineshop?

Next-Day-Delivery ist der Standard, doch der nächste Schritt in der Geschwindigkeitsspirale ist die Same-Day-Delivery, die Lieferung am selben Tag. Für einen Schweizer Onlineshop ist die Entscheidung, diesen Premium-Service anzubieten, ein komplexer letzte-Meile-Kalkül. Es ist keine Frage des „Ob“, sondern des „Wann“ und „Wo“. Die Machbarkeit und Rentabilität hängen von mehreren Faktoren ab: der geografischen Dichte der Kunden, der Art der Produkte und der Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.

Same-Day-Delivery ist primär ein urbanes Phänomen. Die operative Komplexität und die Kosten sind nur in dicht besiedelten Gebieten wie Zürich, Genf, Basel oder Bern zu bewältigen. Hier können Velokuriere oder spezialisierte Lieferdienste die Pakete auf kurzen Wegen und mit hoher Frequenz zustellen. Ausserhalb dieser urbanen Zentren explodieren die Kosten pro Lieferung, was den Service für die meisten Shops unrentabel macht. Ein entscheidender Faktor ist die Cut-off-Zeit: Für eine Lieferung am selben Tag muss die Bestellung meist bis zum frühen Nachmittag eingehen, was das Zeitfenster für den Kunden erheblich einschränkt.

Die Entscheidung für oder gegen Same-Day-Delivery ist eine strategische Abwägung zwischen Kundennutzen und Betriebskosten. Die folgende Analyse zeigt die wesentlichen Unterschiede zum etablierten Next-Day-Modell auf.

Same-Day vs. Next-Day Delivery: Eine Kosten-Nutzen-Analyse
Kriterium Same-Day Delivery Next-Day Delivery
Cut-off Zeit Meist bis 14:00 Uhr Bis Mitternacht möglich
Geografische Abdeckung Nur urbane Zentren (Zürich, Basel, Bern) Grössere Abdeckung möglich
Kostenstruktur Erheblich höhere Betriebskosten Balance zwischen Geschwindigkeit und Kosten
Ideale Produktkategorien Medikamente, verderbliche Waren Breites Sortiment möglich

Letztendlich lohnt sich Same-Day-Delivery nur für Nischen mit hoher Dringlichkeit oder einem starken Service-Argument. Dazu gehören Apotheken, Lebensmittel-Lieferdienste oder Händler von hochpreisigen Gütern, bei denen der Aufpreis für die Expresslieferung im Gesamtpreis untergeht. Für die breite Masse des Schweizer E-Commerce bleibt die Next-Day-Lieferung der effizienteste und wirtschaftlichste Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Kosten.

Wo beginnen Sie mit der Digitalisierung, um in 6 Monaten 20% Kosten zu sparen?

Für E-Commerce-Manager, die nicht über die Ressourcen von Amazon oder Digitec Galaxus verfügen, scheint die Optimierung der Logistik oft eine unüberwindbare Hürde. Doch der Einstieg in die Digitalisierung muss nicht mit dem Bau eines vollautomatisierten Lagers beginnen. Gezielte, pragmatische Schritte können bereits in kurzer Zeit erhebliche Kosteneinsparungen ermöglichen. Der Schlüssel liegt darin, dort anzusetzen, wo die grössten Ineffizienzen und manuellen Aufwände liegen: bei der Bestandsverwaltung, dem Versandprozess und der Datennutzung.

Ein zentraler Hebel ist die Implementierung eines Warehouse Management Systems (WMS). Selbst einfache WMS-Lösungen bieten eine transparente Übersicht über Lagerbestände in Echtzeit. Das verhindert Überbestände (gebundenes Kapital) und „Out-of-Stock“-Situationen (verlorene Verkäufe). Ein weiterer Quick-Win ist die Automatisierung des Versandprozesses. Durch eine API-Anbindung an die Systeme von Transportdienstleistern wie der Schweizerischen Post oder DPD können Versandetiketten und Tracking-Informationen automatisch generiert werden. Das eliminiert manuelle Dateneingaben, reduziert Fehler und beschleunigt den Verpackungsprozess erheblich.

Die vielleicht grösste, oft ungenutzte Ressource sind die eigenen Daten. Durch die Analyse von Bestelldaten lassen sich Muster erkennen, die für präzisere Nachfrageprognosen genutzt werden können. Dies führt zu einer optimierten Lagerhaltung und reduziert die Notwendigkeit teurer Express-Nachbestellungen beim Lieferanten. Jeder dieser Schritte reduziert Prozesskosten, die sich schnell summieren. Um den Einstieg zu erleichtern, haben wir einen konkreten Plan zusammengestellt.

Ihr Plan zur Logistik-Digitalisierung

  1. Implementierung eines WMS: Beginnen Sie mit einem Warehouse Management System, um Bestände zu optimieren und Überbestände sowie manuelle Suchen zu reduzieren.
  2. API-Anbindung an Transportdienstleister: Verbinden Sie Ihr System mit der Post oder DPD für automatische Versandetiketten und Tracking-Updates, um Zeit und Fehler zu minimieren.
  3. Nutzung von Bestelldaten: Analysieren Sie Verkaufsdaten, um präzisere Nachfrageprognosen zu erstellen und die Lagerhaltung zu optimieren.
  4. Optimierung der Stammdaten: Stellen Sie sicher, dass Gewicht und Dimensionen aller Artikel korrekt erfasst sind. Dies ist die Grundlage für eine exakte, automatisierte Portoberechnung und vermeidet teure Nachbelastungen.
  5. Prüfung von Förderprogrammen: Informieren Sie sich über kantonale Digitalisierungsinitiativen und Unterstützung durch Innosuisse, um die Investitionskosten zu senken.

Der Startpunkt der Digitalisierung ist nicht eine Frage des Budgets, sondern der strategischen Priorisierung. Indem Sie sich auf die Beseitigung der grössten manuellen Zeitfresser konzentrieren, können Sie schnell signifikante Effizienzgewinne und Kosteneinsparungen realisieren.

Wie lohnt sich Automation schon ab Losgrösse 1 für Schweizer Lohnfertiger?

Die hohen Lohnkosten in der Schweiz sind der entscheidende Treiber für die Automatisierung in der Logistik. Während Automation bei der Massenabfertigung identischer Produkte leicht zu rechtfertigen ist, stellt sich die Frage der Rentabilität bei kleinen Bestellungen oder gar der Losgrösse 1 – also einem einzigen, individuell kommissionierten Artikel. Traditionell galt dies als Domäne der manuellen Arbeit. Doch moderne Logistiksysteme beweisen das Gegenteil: Automation lohnt sich gerade hier.

Der Grund dafür liegt in der Flexibilität der „Goods-to-Person“-Systeme wie AutoStore. Da jeder Artikel in einem separaten, standardisierten Behälter gelagert wird, ist es für den Roboter unerheblich, ob er zehnmal den gleichen Artikel oder zehn verschiedene Artikel nacheinander zum Kommissionierplatz bringt. Der Prozess bleibt identisch und die Geschwindigkeit hoch. Für Schweizer Lohnfertiger oder E-Commerce-Shops mit einem sehr breiten und heterogenen Sortiment ist dies ein Game-Changer. Anstatt teure Arbeitszeit für die Suche nach Einzelteilen in weitläufigen Lagern aufzuwenden, erledigt das automatisierte System diese Aufgabe in Sekunden.

Fallbeispiel FIEGE Bülach: Zweistöckige Automation für maximale Flexibilität

Im neuen Logistikzentrum von FIEGE in Bülach wird diese Strategie auf zwei Etagen umgesetzt. Das Erdgeschoss beherbergt ein klassisches Hochregallager für die effiziente Lagerung von ganzen Paletten. Im Obergeschoss hingegen wird ein AutoStore-System für die Lagerung von Kleinteilen und die Abwicklung von Bestellungen bis hin zur Losgrösse 1 installiert. Diese zweistufige Lösung auf 17’000 Quadratmetern ermöglicht es, sowohl grosse Volumen als auch hochflexible, kleinteilige Aufträge mit maximaler Automatisierung und minimalem Personalaufwand abzuwickeln – eine direkte Antwort auf die hohen Schweizer Lohnkosten.

Diese hohe Automationsdichte wird durch den wirtschaftlichen Druck erzwungen. Wie Branchenexperten in einer Analyse der Schweizer Logistikbranche feststellen, sind die Lohnkosten der primäre Faktor, der Investitionen in Robotik und Software vorantreibt. Die Automation ist somit keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit, um im Schweizer Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, insbesondere bei der Abwicklung komplexer und kleinteiliger Bestellungen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geschwindigkeit der Next-Day-Lieferung basiert auf der extremen geografischen Konzentration der Logistikzentren an der A1-Achse im Mittelland.
  • Moderne Robotik-Systeme („Goods-to-Person“) sind der Schlüssel zur Effizienz im Lager, da sie die Kommissionierzeit drastisch reduzieren.
  • Die hohen Prozesskosten bei der Retourenabwicklung in der Schweiz führen dazu, dass die Vernichtung von Waren oft wirtschaftlicher ist als ihre Wiederaufbereitung.

Warum ist der Bahntransit durch die Schweiz für Logistiker alternativlos?

Während der Lastwagen das sichtbare Symbol der Logistik auf der Strasse ist, spielt die Bahn eine ebenso entscheidende, wenn auch oft unsichtbarere Rolle. Angesichts der chronisch überlasteten A1 und der politischen Rahmenbedingungen wie dem Nacht- und Sonntagsfahrverbot für LKW ist der Schienengüterverkehr für Schweizer Logistiker keine Option, sondern eine zwingende Notwendigkeit. Er ist das zweite Standbein des Logistik-Rückgrats und entscheidend für die Stabilität des gesamten Systems.

Die grossen Verteilzentren im Mittelland sind nicht nur an die Autobahn, sondern fast immer auch an das Schienennetz angeschlossen. Dies ermöglicht es, grosse Warenmengen effizient und stauunabhängig zwischen den Landesteilen zu bewegen. Ein Paradebeispiel ist der Migros Verteilbetrieb in Neuendorf: Dort werden beeindruckende 42 Prozent des Güterverkehrs mit der Bahn abgewickelt, wofür das Unternehmen eigene Gütergleise und Lokomotiven unterhält. Dies entlastet nicht nur die Strasse, sondern sichert auch den Betrieb während der LKW-Fahrverbote.

Besonders wichtig ist der unbegleitete kombinierte Verkehr (UKV). Dabei werden ganze Container oder LKW-Auflieger an Terminals auf Güterzüge verladen. Der Zug übernimmt den Hauptlauf, beispielsweise von der West- in die Ostschweiz. Am Zielterminal wird der Auflieger wieder auf einen LKW umgeladen, der dann die Feinverteilung auf der letzten Meile übernimmt. Dieses System kombiniert die Stärke der Schiene auf der Langstrecke mit der Flexibilität des LKW auf der Kurzstrecke und ist der Schlüssel zur Umgehung von Staus und Fahrverboten. Ohne die Bahn wäre das Versprechen der Next-Day-Lieferung in der heutigen Form nicht haltbar.

Die Schiene ist der stille Partner der Strasse. Ein tiefes Verständnis dafür, warum der Bahntransit alternativlos ist, rundet das Bild der Schweizer Logistikmaschine ab.

Um die Effizienz Ihrer eigenen Lieferkette zu maximieren, ist eine genaue Analyse Ihrer Prozesse unerlässlich. Beginnen Sie damit, die Kostenfaktoren in Ihrer Lagerhaltung und im Versand zu identifizieren und bewerten Sie, wo digitale Lösungen den grössten Hebel bieten.

Fragen und Antworten zur Schweizer Logistik

Warum ist die A1-Achse so wichtig für die Logistik?

Der Hauptgrund ist die Verkehrsanbindung. Von hier sind Lastwagen per Autobahn rasch in Basel, Bern, Luzern und Zürich. Und auch die Westschweiz ist relativ nah.

Welche Rolle spielt die Bahn im Güterverkehr?

Der Bahnknoten Olten ist nahe, so dass Güter auch per Bahn schnell in der ganzen Schweiz sind. Dies ermöglicht die Umgehung von Staus und Fahrverboten, insbesondere in der Nacht.

Was ist der unbegleitete kombinierte Verkehr?

Container oder LKW-Auflieger werden an Terminals auf Züge verladen und später wieder auf LKW für die Feinverteilung umgeladen, um Staus und Fahrverbote zu umgehen.

Geschrieben von Regula Aebischer, Unternehmensberaterin für KMU-Nachfolge und Familienverfassungen mit Sitz in St. Gallen. Expertin für Strategieentwicklung und Konfliktlösung in Schweizer Familienunternehmen.