Wirtschaftsstandort Schweiz zwischen Innovation und EU-Herausforderungen
Veröffentlicht am Mai 10, 2024

Die Debatte um das Rahmenabkommen übersieht das Wesentliche: Die grösste Gefahr für den Standort Schweiz ist nicht Brüssel, sondern die eigene Selbstzufriedenheit.

  • Regulatorische Autonomie, wie die Anerkennung von US-Zulassungen, wird zum entscheidenden strategischen Vorteil.
  • Gezielte Förderinstrumente wie die Patentbox kompensieren den Verlust alter Steuerprivilegien und stärken die Innovationskraft.

Empfehlung: Investoren sollten weniger auf die EU-Verhandlungen und mehr auf die Fähigkeit der Schweiz zur proaktiven Nischen-Dominanz und regulatorischen Agilität achten.

Die Diskussionen um die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz werden fast ausschliesslich durch das Prisma der Beziehungen zur Europäischen Union geführt. Die Unsicherheit bezüglich eines Rahmenabkommens wird oft als existenzielles Risiko dargestellt, das Investitionen lähmt und die Wettbewerbsfähigkeit untergräbt. In unzähligen Analysen wird die Bedeutung des vollen Zugangs zum EU-Binnenmarkt betont, und das Ausbleiben einer Einigung wird als düsteres Szenario für Exportnationen wie die unsere gezeichnet. Man konzentriert sich auf die potenziellen Verluste, die Nachteile und die drohende Isolation. Dieser Fokus ist verständlich, doch er ist gefährlich einseitig und verstellt den Blick auf eine viel wichtigere Wahrheit.

Was wäre, wenn diese festgefahrene Situation nicht das Ende, sondern ein Anfang wäre? Wenn die Blockade mit Brüssel weniger eine Bedrohung als vielmehr ein notwendiger Weckruf ist? Diese Perspektive verschiebt den Fokus von dem, was wir verlieren könnten, auf das, was wir aktiv gestalten müssen. Die aktuelle Lage zwingt die Schweiz, sich auf ihre ureigenen, oft für selbstverständlich gehaltenen Stärken zu besinnen und diese proaktiv auszubauen. Es geht nicht mehr nur darum, den Status quo zu verteidigen, sondern darum, eine neue, robustere Form der Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln – eine, die auf regulatorischer Autonomie, fiskalischer Kreativität und einer unangefochtenen Dominanz in globalen Nischen beruht. Dieser Artikel argumentiert, dass die wahre Herausforderung nicht in Brüssel liegt, sondern in unserer Fähigkeit, diese Trümpfe konsequent auszuspielen.

In den folgenden Abschnitten analysieren wir, wie sich diese strategische Neuausrichtung bereits heute in entscheidenden Sektoren manifestiert. Wir untersuchen die konkreten Instrumente, die Kantone einsetzen, die Finanzierungsquellen für unsere hochinnovativen Unternehmen und die realen Gefahren, die nicht von aussen, sondern von innen drohen.

Was bedeutet der Wegfall der Äquivalenz für die Schweizer Börse und Medizintechnik?

Der Wegfall der Börsenäquivalenz im Jahr 2019 wurde von vielen als der Anfang vom Ende des Schweizer Finanzplatzes prophezeit. Man befürchtete einen massiven Liquiditätsabfluss an EU-Börsen und eine schleichende Marginalisierung der SIX Swiss Exchange. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Der Bundesrat reagierte mit einer Schutzmassnahme, die den Handel mit Schweizer Aktien an EU-Börsen verbot und die Liquidität erfolgreich zurück in die Schweiz lenkte. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Zeugnis der Resilienz: Trotz fehlendem Rahmenabkommen stieg das Handelsvolumen an der SIX auf 1187 Milliarden Franken im Jahr 2024, eine Steigerung von 13,4% gegenüber dem Vorjahr. Dies zeigt, dass ein souveräner und robuster Kapitalmarkt auch ohne formelle Äquivalenz florieren kann.

Schweizer Börse als autonomer Finanzplatz

Ein noch prägnanteres Beispiel für die Chancen der regulatorischen Autonomie liefert die Medizintechnik. Nach dem Scheitern des Rahmenabkommens verlor die Schweiz den reibungslosen Zugang zum EU-Markt für neue Medizinprodukte. Anstatt jedoch passiv zu bleiben, hat die Politik eine strategische Weiche gestellt: 2024 beschloss der Bundesrat, auch von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zertifizierte Produkte vereinfacht zuzulassen. Diese pragmatische Entscheidung ist ein Paradigmenwechsel. Eine Studie zeigt, dass bereits über 20% der Schweizer Medtech-Unternehmen die Erstzulassung ihrer Produkte in den USA statt in der EU beantragen, da der US-Prozess oft schneller und berechenbarer ist. Dies stärkt nicht nur die Versorgungssicherheit in der Schweiz, sondern positioniert das Land als Brückenkopf zwischen den beiden wichtigsten regulatorischen Räumen der Welt.

Wie kompensieren Kantone wie Zug den Verlust ihres Steuerprivilegs für Konzerne?

Der internationale Druck, angeführt von der OECD, hat die Ära der pauschalen Steuerprivilegien für Statusgesellschaften in der Schweiz beendet. Für Hochsteuerkantone wie Genf war dies eine Herausforderung, doch für agile und bereits steuergünstige Kantone wie Zug war es eine Chance, ihre Attraktivität auf eine neue, nachhaltigere Basis zu stellen. Die Antwort liegt nicht mehr in pauschalen Rabatten, sondern in intelligenter, fiskalischer Kreativität. Das zentrale Instrument hierfür ist die sogenannte Patentbox, ein Instrument, das international akzeptiert ist und die Besteuerung von Erträgen aus geistigem Eigentum massiv reduziert.

Der Kanton Zug hat dieses Instrument meisterhaft eingesetzt, um seine Position als führender Hub für innovationsgetriebene Unternehmen zu zementieren. Mit einer Steuerermässigung von 90% auf Patenterträge bietet Zug eine der attraktivsten Regelungen in der ganzen Schweiz. Dies sendet ein klares Signal an Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie an Technologieunternehmen: Innovation, die in der Schweiz stattfindet und hier zu Patenten führt, wird steuerlich massiv belohnt. Dies kompensiert nicht nur den Verlust der alten Privilegien, sondern schafft einen gezielten Anreiz, hochwertige Wertschöpfung und die damit verbundenen Arbeitsplätze im Kanton anzusiedeln und zu halten.

Diese Verschiebung von allgemeinen zu spezifischen Anreizen ist entscheidend. Sie zeigt, dass die Schweiz ihre Steuerpolitik an internationale Standards anpasst, ohne ihre grundsätzliche Wettbewerbsfähigkeit aufzugeben. Wie Swiss Medtech in einer Studie treffend festhält, ist dies nur ein Teil eines grösseren Bildes:

Die Schweiz besitzt ein einzigartiges Ökosystem mit grossen Unternehmen, zahlreichen KMUs, renommierten Hochschulen und innovativen Spin-offs, um das uns viele Länder beneiden.

– Swiss Medtech, Medtech-Branchenstudie 2024

Die fiskalische Kreativität ist der Treibstoff, der dieses Ökosystem am Laufen hält und es für globale Konzerne attraktiv macht, ihre „Kronjuwelen“ – ihre Patente und Lizenzen – in der Schweiz zu verwalten.

Innosuisse oder privat: Woher kommt das Geld für die nächste bahnbrechende Erfindung?

Eine der grössten Stärken der Schweiz ist ihre Fähigkeit, wissenschaftliche Grundlagenforschung in kommerziell erfolgreiche Produkte zu überführen. Dieser Prozess ist kapitalintensiv und risikoreich, insbesondere im Deep-Tech- und Medtech-Bereich. Die Frage nach der Finanzierung ist daher zentral für die Zukunftsfähigkeit des Standorts. Die Antwort liegt in einem fein austarierten Zusammenspiel von öffentlicher und privater Finanzierung, das in dieser Form fast einzigartig ist. Es ist ein System, das trotz regulatorischer Hürden ein beeindruckendes Wachstum ermöglichte, wie der Umsatz der Schweizer Medtech-Branche von 23,4 Milliarden Franken im Jahr 2023 belegt, ein Plus von 6% seit 2021.

Die Reise einer Erfindung von der Hochschule zum Markt lässt sich typischerweise in mehrere Phasen unterteilen:

  1. Grundlagenforschung: Beginnt oft an den Hochschulen wie der ETH Zürich oder der EPFL, finanziert durch den Nationalfonds und andere öffentliche Gelder.
  2. Risikominderung: Innosuisse, die schweizerische Agentur für Innovationsförderung, spielt hier eine Schlüsselrolle. Sie finanziert anwendungsorientierte Projekte, um das technische und kommerzielle Risiko so weit zu senken, dass private Investoren einsteigen.
  3. Seed-Finanzierung: Sobald ein „Proof of Concept“ vorliegt, übernehmen Schweizer Risikokapitalgeber (VCs) und Family Offices. Sie stellen das erste grosse Kapital für den Aufbau des Unternehmens bereit.
  4. Internationale Expansion: In dieser Phase wird Kapital für die Skalierung und den Eintritt in globale Märkte, wie die USA, aufgenommen. Die FDA-Zulassung ist hier oft ein entscheidender Meilenstein.
  5. Wachstumsrunden (Series A/B): Nun stossen auch internationale Investoren hinzu, die das Unternehmen zu einem globalen Player machen.

Dieses Ökosystem ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer bewussten Strategie, bei der der Staat als Katalysator und nicht als Hauptinvestor agiert. Innosuisse „de-risked“ die Innovation für den Privatsektor und schafft so eine Pipeline an hochqualitativen Start-ups. Diese Symbiose ist der Motor, der die Schweiz an der Weltspitze der Innovation hält und sicherstellt, dass auch morgen noch bahnbrechende Erfindungen von hier aus die Welt erobern.

Der Fehler in der Gründungspraxis, der Innovationen ins Ausland treibt

Trotz des exzellenten Ökosystems aus Forschung und Finanzierung existiert eine signifikante Schwachstelle im Schweizer System: eine zunehmend komplexe und fragmentierte Gründungspraxis. Während wir auf Makroebene mit Instrumenten wie der Patentbox glänzen, riskieren wir auf Mikroebene, unsere wertvollsten Talente und Ideen durch bürokratische Hürden zu verlieren. Dies ist der Punkt, an dem der warnende Ton des Lobbyisten angebracht ist: Der grösste Feind unserer Innovation ist nicht die EU, sondern unsere eigene administrative Trägheit.

Ein Beispiel ist die bereits erwähnte Patentbox. Obwohl sie ein mächtiges Werkzeug ist, variiert ihre Attraktivität je nach Kanton erheblich, was zu einem komplexen Flickenteppich führt, wie eine aktuelle vergleichende Analyse zeigt.

Patentbox-Attraktivität nach Kantonen
Kanton Patentbox-Ermässigung F&E-Sonderabzug Entlastungsbegrenzung
Zug 90% Ja (50%) 70%
Basel-Stadt 90% Nein 70%
Zürich 90% Ja (50%) 70%
Genf 90% Ja (50%) 50%

Diese kantonalen Unterschiede sind nur die Spitze des Eisbergs. Gründer sehen sich mit einem Labyrinth aus Bewilligungen, unterschiedlichen regulatorischen Anforderungen und langwierigen Prozessen konfrontiert. Der Präsident von Swiss Medtech, Damian Müller, brachte diese Absurdität auf den Punkt, als er die paradoxe Situation bei Medizinprodukten beschrieb:

Viele Schweizer Medtech-Produkte wurden in der Schweiz entwickelt und produziert, konnten aber wegen regulatorischer Hürden bisher nicht für Schweizer Patienten freigegeben werden – das ist absurd.

– Damian Müller, Präsident Swiss Medtech

Dieser „Friction-Faktor“ ist brandgefährlich. Wenn es einfacher ist, ein Unternehmen in Delaware (USA) zu gründen und von dort aus den Weltmarkt – einschliesslich der Schweiz – zu bedienen, werden die besten Gründer genau das tun. Sie entwickeln die Idee an der ETH, aber die Wertschöpfung und die Steuererträge fliessen ins Ausland. Es ist daher dringend erforderlich, die administrativen Prozesse für Start-ups landesweit zu harmonisieren und zu beschleunigen.

Wann zwingt eine Strommangellage die Industrie zur Drosselung der Produktion?

Die politische Stabilität und die steuerliche Attraktivität sind nur zwei Säulen des Wirtschaftsstandorts. Eine dritte, oft als selbstverständlich angesehene, aber zunehmend kritische Säule ist die Versorgungssicherheit, insbesondere im Energiebereich. Für energieintensive Industrien – von der Chemie über die Pharmaindustrie bis hin zu Rechenzentren – ist die Frage der Stromverfügbarkeit und -kosten von existenzieller Bedeutung. Eine potenzielle Strommangellage, wie sie in den letzten Wintern intensiv diskutiert wurde, stellt für Investoren ein kalkulierbares Risiko dar, das genau bewertet werden muss.

Energieversorgung als Standortfaktor der Schweizer Industrie

Das Szenario einer erzwungenen Drosselung der Produktion tritt nicht plötzlich ein, sondern folgt einem klar definierten Eskalationsplan des Bundes. In einer ersten Phase würden Appelle an die Bevölkerung und die Wirtschaft gerichtet, freiwillig Strom zu sparen. Erst wenn diese Massnahmen nicht ausreichen, um das Netz zu stabilisieren, kämen drastischere Schritte zum Tragen. Dazu gehören Verwendungsbeschränkungen (z.B. für Leuchtreklamen oder die Beheizung von Privatpools) und schliesslich, als ultima ratio, die Kontingentierung für Grossverbraucher. Dies bedeutet, dass Unternehmen gezwungen wären, ihre Produktion für bestimmte Zeitfenster zu reduzieren oder ganz einzustellen. Die wirtschaftlichen Schäden wären immens.

Die gute Nachricht ist, dass die Schweiz über eine robuste Infrastruktur und eine hohe Eigenproduktion durch Wasser- und Kernkraft verfügt. Zudem bleibt der Schweizer Kapitalmarkt auch in unsicheren Zeiten eine verlässliche Quelle für die Finanzierung grosser Infrastrukturprojekte, was das Anleihenvolumen von 104 Milliarden Franken im Jahr 2024 unterstreicht. Dennoch ist die Abhängigkeit von Stromimporten im Winter eine strategische Schwachstelle. Für Investoren bedeutet dies, dass bei Standortentscheidungen nicht nur die Steuerbelastung, sondern auch die Energieresilienz des Kantons und die Notfallpläne des Unternehmens selbst zu einem entscheidenden Faktor werden. Die Frage ist nicht mehr nur „Wie viel Steuern zahle ich?“, sondern auch „Kann ich meine Produktion im Februar garantiert aufrechterhalten?“.

Wann ist der richtige Moment, um mit Ihrem Nischenprodukt in neue Märkte wie die USA zu expandieren?

Die Emanzipation von der reinen EU-Fokussierung bedeutet nicht Isolation, sondern eine proaktive globale Diversifizierung. Für Schweizer Unternehmen mit hochspezialisierten Nischenprodukten, insbesondere im Medtech- oder Hightech-Bereich, stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Expansion in neue Märkte wie die USA nicht als Option, sondern als strategische Notwendigkeit. Der richtige Moment ist gekommen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Das Produkt hat seine technologische Reife in der Schweiz bewiesen, der Heimmarkt ist zu klein für eine weitere Skalierung, und es existiert ein klarer regulatorischer Pfad für den Zielmarkt.

Die USA sind hierfür der logische nächste Schritt. Der Markt ist riesig, kapitalstark und, was entscheidend ist, regulatorisch berechenbar. Die Zulassung durch die FDA ist zwar anspruchsvoll, aber sie ist ein weltweit anerkannter Goldstandard, der die Türen zu weiteren Märkten öffnet. Das ETH-Spin-off Positrigo ist ein Paradebeispiel für diese Strategie. Das Unternehmen entwickelte ein kompaktes Gehirn-PET-Gerät, eine typische Schweizer Nischeninnovation. Nach der Gründung 2018 und der Validierung der Technologie erhielt Positrigo 2024 die FDA-Zulassung. Dieser Schritt war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung, den wichtigsten Markt für nuklearmedizinische Bildgebungsgeräte direkt zu adressieren.

Diese Strategie ist nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für die gesamte Schweizer Volkswirtschaft von vitaler Bedeutung. Die Medtech-Industrie allein erwirtschaftet einen Handelsbilanzüberschuss von 5,8 Milliarden CHF, was beeindruckenden 11,9% der gesamten Schweizer Handelsbilanz entspricht. Jeder erfolgreiche Markteintritt in den USA stärkt diese Position. Für Unternehmer lautet die Lehre: Warten Sie nicht auf eine politische Lösung mit der EU. Wenn Ihr Produkt bereit ist, ist der richtige Moment für die US-Expansion jetzt. Die regulatorische Autonomie der Schweiz, die eine Anerkennung der FDA-Normen ermöglicht, ist dabei nicht ein Hindernis, sondern ein Beschleuniger.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die regulatorische Autonomie ermöglicht der Schweiz, pragmatische und schnelle Lösungen wie die Anerkennung von US-Zulassungen umzusetzen, was einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellt.
  • Intelligente steuerliche Anreize wie die Patentbox sind die moderne Antwort auf den Wegfall alter Privilegien und fördern gezielt Innovation und Wertschöpfung im Land.
  • Die grössten Risiken für den Standort sind nicht externe politische Blockaden, sondern interne administrative Trägheit und eine potenziell ungesicherte Energieversorgung.

Wann greift die Nationalbank ein und was bedeutet das für Ihre Hypothek?

Inmitten der politischen Unsicherheiten mit Europa bleibt eine Institution ein Fels in der Brandung und ein entscheidender Faktor für die Stabilität des Standorts Schweiz: die Schweizerische Nationalbank (SNB). Ihre Unabhängigkeit von der Politik und von der Europäischen Zentralbank (EZB) ist ein unschätzbarer Vorteil. Während die EZB ihre Geldpolitik auf 20 sehr unterschiedliche Volkswirtschaften abstimmen muss, kann die SNB gezielt und agil auf die spezifischen Bedürfnisse der Schweiz reagieren. Ein Eingreifen der SNB erfolgt primär, um ihr Mandat zu erfüllen: die Preisstabilität zu gewährleisten und dabei die konjunkturelle Entwicklung zu berücksichtigen.

Für Unternehmen und Investoren sind vor allem zwei Interventionsszenarien relevant. Erstens: die Bekämpfung der Inflation. Wenn die Teuerung über das Zielband von 0-2% steigt, wird die SNB ihren Leitzins anheben. Dies verteuert Kredite, einschliesslich Hypotheken, was die Nachfrage dämpft und die Inflation bremst. Zweitens: die Bekämpfung einer übermässigen Frankenstärke. Ein zu starker Franken schadet der Exportwirtschaft und wirkt wie eine importierte Deflation. In diesem Fall kann die SNB am Devisenmarkt intervenieren und Fremdwährungen kaufen, um den Franken zu schwächen. Diese Möglichkeit ist ein direkter Vorteil der geldpolitischen Autonomie.

Für Hypothekarnehmer bedeutet dies eine direkte Abhängigkeit von den Zinsentscheiden der SNB. Eine Zinserhöhung zur Inflationsbekämpfung führt fast unmittelbar zu höheren Zinsen für Saron-Hypotheken und verteuert auf mittlere Sicht auch Festhypotheken. Die Unsicherheit im Verhältnis zu Europa spielt hier eine indirekte Rolle: Ein starker „Fluchthafen-Franken“ in Krisenzeiten kann die SNB dazu zwingen, mit Zinserhöhungen vorsichtiger zu sein als andere Zentralbanken, um die Exportindustrie nicht zusätzlich zu belasten. Diese Fähigkeit zur Feinjustierung ist ein zentraler Stabilitätsanker, den Investoren hoch schätzen.

Wie integrieren Sie Expats erfolgreich in Ihre Schweizer Unternehmenskultur?

Alle strategischen Vorteile – von der Steuerpolitik bis zur Geldwertstabilität – sind wertlos ohne den entscheidenden Produktionsfaktor: hochqualifizierte Arbeitskräfte. Im globalen „War for Talent“ ist die Schweiz darauf angewiesen, die besten Köpfe aus der ganzen Welt anzuziehen. Doch das Anwerben allein reicht nicht. Die grösste Herausforderung und eine oft unterschätzte Managementaufgabe ist die erfolgreiche Integration dieser Expats in die spezifische Schweizer Unternehmenskultur. Gelingt dies nicht, führt dies zu hoher Fluktuation, Produktivitätsverlusten und scheitert letztlich daran, das volle Potenzial dieser Talente auszuschöpfen. Die Medtech-Branche allein schuf in den letzten zwei Jahren 4.200 neue Arbeitsplätze und beschäftigt heute 71.700 Menschen – viele davon aus dem Ausland.

Eine erfolgreiche Integration ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer systematischen Strategie, die weit über einen Arbeitsvertrag hinausgeht. Sie muss die kulturellen, sozialen und beruflichen Aspekte des Lebens in der Schweiz adressieren. Es geht darum, eine Brücke zu bauen zwischen den Erwartungen der Expats und der lokalen Arbeitsweise, die oft von Konsensfindung, Pünktlichkeit und einer direkten, aber unaufgeregten Kommunikation geprägt ist. Die blosse Bereitstellung eines Jobs ist nicht mehr wettbewerbsfähig; Unternehmen müssen ein ganzheitliches Ankunfts- und Integrationserlebnis bieten.

Aktionsplan: Integration internationaler Fachkräfte

  1. Dual Career Support: Bieten Sie aktive Unterstützung für den Partner oder die Partnerin bei der Jobsuche in der Schweiz an, um die Attraktivität für die gesamte Familie zu steigern.
  2. Kulturelles Onboarding: Vermitteln Sie proaktiv die ungeschriebenen Regeln der Schweizer Arbeitskultur (z.B. Bedeutung von Konsens, Umgang mit Hierarchien, Pünktlichkeitsnormen) in speziellen Workshops.
  3. Sprachförderung: Finanzieren Sie nicht nur Sprachkurse, sondern fördern Sie aktiv die Anwendung durch die Integration in deutsch-, französisch- oder italienischsprachige Projektteams und soziale Anlässe.
  4. Netzwerkaufbau: Verbinden Sie neue Mitarbeitende gezielt mit lokalen Vereinen, Interessengruppen und etablierten Expat-Communities, um die soziale Isolation zu durchbrechen.
  5. Langfristige Bindung: Zeigen Sie von Anfang an klare Karrierepfade und Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens in der Schweiz auf, um eine langfristige Perspektive zu schaffen.

Die Investition in eine solche strukturierte Integration ist keine Ausgabe, sondern eine Investition in die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und des gesamten Standorts. Sie ist der letzte, entscheidende Baustein, um sicherzustellen, dass die Schweiz nicht nur Talente anzieht, sondern sie auch halten kann.

Letztlich hängt der Erfolg des Standorts von den Menschen ab. Die Fähigkeit, internationale Talente wirklich zu integrieren, ist daher von strategischer Wichtigkeit und verdient höchste Aufmerksamkeit.

Um die Attraktivität des Standorts Schweiz nachhaltig zu sichern, müssen wir uns von der passiven Hoffnung auf eine politische Lösung mit der EU verabschieden und unsere Zukunft aktiv gestalten. Dies erfordert von Unternehmern und Investoren, die hier skizzierten, proaktiven Strategien zu adaptieren und die wahren, endogenen Stärken der Schweiz als Basis für ihre Entscheidungen zu nutzen.

Häufige Fragen zur SNB-Politik im EU-Kontext

Wie beeinflusst die fehlende EU-Integration die SNB-Politik?

Die SNB kann als unabhängige Zentralbank agiler auf Frankenstärke reagieren als die EZB, die auf 20 Länder Rücksicht nehmen muss. Dies ermöglicht gezieltere Interventionen zum Schutz der Exportwirtschaft.

Welche Rolle spielt die Börsenäquivalenz für den Finanzplatz?

Seit Juli 2019 ist die Börsenäquivalenz ausgelaufen. Der Bundesrat schützte daraufhin die SIX durch ein Handelsverbot für Schweizer Aktien an EU-Börsen, was die Liquidität erfolgreich in die Schweiz zurückführte.

Wie wirkt sich die Rahmenabkommen-Unsicherheit auf Zinsen aus?

Die SNB muss bei Zinsanpassungen auch die Wechselkurseffekte berücksichtigen. Ein zu starker Franken schadet der Wettbewerbsfähigkeit, weshalb die SNB tendenziell vorsichtiger mit Zinserhöhungen ist.

Geschrieben von Regula Aebischer, Unternehmensberaterin für KMU-Nachfolge und Familienverfassungen mit Sitz in St. Gallen. Expertin für Strategieentwicklung und Konfliktlösung in Schweizer Familienunternehmen.