Pharma-Cluster in Basel und Zug prägen den Schweizer Arbeitsmarkt
Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die wahre Wirkung der Schweizer Pharma-Cluster auf den Arbeitsmarkt wird weniger durch ihre Grösse als durch die internen wirtschaftlichen Spannungen zwischen Konzernen, Kantonen und KMU bestimmt.

  • Die «Buy-vs-Build»-Strategie der Grosskonzerne verschiebt den Bedarf weg von interner Grundlagenforschung hin zu Integrations- und M&A-Spezialisten.
  • Der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen schafft zwar Anreize, führt aber auch zu einer Standortvolatilität, die langfristige Planungen für Zulieferer erschwert.

Empfehlung: Fachkräfte und Zulieferer müssen diese zugrunde liegenden Dynamiken analysieren – nicht nur die Stellenausschreibungen –, um eine resiliente Karriere oder ein robustes Geschäftsmodell aufzubauen.

Die Regionen Basel und Zug gelten unbestritten als die pulsierenden Herzen der Schweizer Life-Science-Industrie. Auf den ersten Blick zeichnen sie ein Bild von Wohlstand und unbegrenzten Karrieremöglichkeiten, angetrieben von globalen Giganten wie Roche und Novartis. Die Diskussion dreht sich oft um hohe Gehälter, den steten Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften und ein Innovationsklima, das weltweit seinesgleichen sucht. Dieses Narrativ ist zwar korrekt, aber unvollständig. Es übersieht die komplexen und oft widersprüchlichen Kräfte, die unter der Oberfläche wirken.

Die Realität ist, dass diese Pharma-Cluster keine monolithischen Jobmotoren sind, sondern komplexe Ökosysteme, die von erheblichen Ökosystem-Spannungen geprägt sind. Der strategische Entscheid, Innovationen lieber zuzukaufen statt selbst zu entwickeln, die scharfe Standortkonkurrenz zwischen den Kantonen und der sozioökonomische Druck durch den Zuzug von Expats erzeugen Dynamiken mit direkten und oft ambivalenten Folgen für den Arbeitsmarkt. Für Fachkräfte und lokale Zulieferer bedeutet dies, dass die Chancen untrennbar mit spezifischen Risiken verbunden sind.

Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Betrachtung und taucht tief in die strukturellen Realitäten dieser Cluster ein. Wir analysieren die entscheidenden Spannungsfelder, um Ihnen als Fachkraft oder Unternehmer eine faktenbasierte Grundlage für Ihre strategischen Entscheidungen zu geben. Es geht darum zu verstehen, nicht nur *wo* die Jobs sind, sondern *warum* sie entstehen, sich verändern und welche Abhängigkeiten sie schaffen.

Die folgende Analyse gliedert sich in acht zentrale Fragestellungen, die die entscheidenden Dynamiken der Schweizer Pharma-Cluster beleuchten. Jeder Abschnitt liefert eine fundierte Perspektive, um die komplexen Zusammenhänge des hiesigen Life-Science-Arbeitsmarktes besser zu verstehen.

Warum kaufen Grosskonzerne Innovationen lieber zu, statt selbst zu forschen?

Die Annahme, dass Pharma-Riesen ihre Labore primär für bahnbrechende Neuentdeckungen nutzen, ist nur noch ein Teil der Wahrheit. Zunehmend verlagern sie ihre Strategie von «Build» (Eigenforschung) zu «Buy» (Zukauf von Innovation). Dieses Innovations-Dilemma ist keine Frage mangelnder Kompetenz, sondern eine strategische Entscheidung, die von Effizienz und Risikomanagement getrieben ist. Die langwierige und extrem kostspielige Grundlagenforschung wird ausgelagert an kleinere, agilere Biotech-Unternehmen. Die Grosskonzerne treten dann als kapitalkräftige Käufer auf, wenn ein Molekül oder eine Technologie vielversprechende klinische Daten zeigt.

Diese M&A-getriebene Strategie erlaubt es, das immense finanzielle Risiko der frühen Forschungsphasen zu umgehen und sich auf die Stärken in der späten klinischen Entwicklung, der Zulassung und der globalen Vermarktung zu konzentrieren. Ein Paradebeispiel für die Priorisierung finanzieller Strategie über Forschungsbeteiligung ist der Verkauf der Roche-Anteile durch Novartis. Vas Narasimhan, CEO von Novartis, kommentierte diesen Schritt folgendermassen:

Es sei nun der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Beteiligung zu monetarisieren. Die Beteiligung sei immer als ein reines Finanz-Instrument gesehen worden.

– Vas Narasimhan, SwissInfo Mitteilung

Der historische Deal, bei dem für 20,7 Milliarden USD der 33% Roche-Anteil verkauft wurde, zeigt, dass selbst riesige Beteiligungen an direkten Konkurrenten als liquidierbare Finanzanlagen und nicht als strategische Forschungsallianzen betrachtet werden. Ein weiteres Beispiel ist die Übernahme des Schweizer Biotech-Unternehmens Actelion durch Johnson & Johnson für 30 Milliarden USD im Jahr 2017. Hier wurde ein komplettes, erfolgreiches Forschungsunternehmen integriert, um das eigene Portfolio sprunghaft zu erweitern, wobei der F&E-Standort Basel als Innovationszentrum erhalten blieb. Für den Arbeitsmarkt bedeutet dies eine Verschiebung: Gefragt sind nicht nur Forscher, sondern vermehrt auch Spezialisten für M&A, Due Diligence, Lizenzen und Post-Merger-Integration.

Wie treibt der Zuzug von hochqualifizierten Pharma-Expats die Mietpreise in Basel?

Die Pharma-Cluster, insbesondere Basel, sind ein Magnet für Toptalente aus aller Welt. Der stetige Zuzug hochqualifizierter Expats ist für die Innovationskraft der Unternehmen unerlässlich, erzeugt aber auch erhebliche Spannungen auf dem lokalen Wohnungsmarkt. Diese Fachkräfte verfügen oft über ein hohes Einkommen und werden von ihren Arbeitgebern mit grosszügigen Umzugspaketen unterstützt, was ihre Zahlungsbereitschaft für Wohnraum deutlich erhöht. Dies führt zu einem direkten und spürbaren Anstieg der Mietpreise, der die lokale Bevölkerung vor grosse Herausforderungen stellt.

Die hohe Nachfrage im oberen Preissegment strahlt auf den gesamten Markt aus. Vermieter orientieren sich an den erzielbaren Höchstmieten, was das allgemeine Preisniveau anhebt und erschwinglichen Wohnraum verknappt. Dieser Effekt ist kein subjektives Empfinden, sondern messbar, laut aktuellen Daten des Mietpreisindex, der für den Kanton Basel-Stadt eine kontinuierliche Steigerung ausweist. Für Einheimische, insbesondere für Personen in Berufen ausserhalb des Life-Science-Sektors, wird es zunehmend schwierig, im Stadtzentrum oder in dessen Nähe eine passende Wohnung zu finden.

Wohnungsmarkt in Basel unter Druck durch Pharma-Expats

Diese Entwicklung ist ein klassisches Beispiel für eine negative Externalität des wirtschaftlichen Erfolgs. Während die Unternehmen und die hochbezahlten Expats profitieren, trägt die lokale Gemeinschaft die sozialen Kosten in Form von Verdrängung und steigenden Lebenshaltungskosten. Die Situation verschärft die soziale Ungleichheit und kann langfristig die Attraktivität des Standorts für andere Branchen und Bevölkerungsgruppen beeinträchtigen. Es entsteht eine ökonomische Schere zwischen den Angestellten des Pharma-Sektors und dem Rest der Bevölkerung, was den sozialen Zusammenhalt auf die Probe stellt.

Zug oder Basel: Welcher Kanton bietet das bessere steuerliche Umfeld für Ihren Firmensitz?

Die Wahl des Firmensitzes in der Schweiz ist eine strategische Entscheidung, bei der steuerliche Aspekte eine zentrale Rolle spielen. Die Kantone Zug und Basel-Stadt stehen hier oft in direkter Konkurrenz, verfolgen jedoch unterschiedliche Strategien. Dieses Phänomen der Standort-Arbitrage zwingt Unternehmen zu einer genauen Analyse, welcher Kanton das beste Gesamtpaket aus Steuern, Infrastruktur und Talentzugang bietet. Während Zug lange als das unangefochtene Steuerparadies galt, hat Basel-Stadt aufgeholt und punktet mit anderen Qualitäten.

Eine rein steuerliche Betrachtung zeigt, dass Zug bei den Gewinn- und Kapitalsteuern für Unternehmen weiterhin die Nase vorn hat. Für Privatpersonen mit hohem Einkommen kann der Unterschied ebenfalls signifikant sein. Basel-Stadt positioniert sich jedoch nicht nur über den Steuersatz, sondern über sein unübertroffenes Ökosystem. Die physische Nähe zu den Hauptsitzen von Novartis und Roche, zu universitären Forschungseinrichtungen und einem riesigen Pool an spezialisierten Fachkräften ist ein unschätzbarer Vorteil, der eine etwas höhere Steuerlast für viele Unternehmen rechtfertigt.

Der folgende Vergleich zeigt die wichtigsten Unterschiede auf Basis einer aktuellen Analyse der Unternehmenssteuern.

Steuervergleich Basel vs. Zug 2024
Kriterium Basel-Stadt Zug
Gewinnsteuer Unternehmen 13.0% 11.8%
Kapitalsteuer 0.525‰ 0.07‰
Max. Einkommenssteuer 26% 22%
Pharma-Infrastruktur Sehr stark (Novartis, Roche HQ) Begrenzt (Holding-Fokus)

Die Situation ist jedoch dynamisch. Nach der Einführung der OECD-Mindeststeuer reagiert Zug mit Steueranpassungen, was die Differenz zu anderen Kantonen verringern könnte. Für Unternehmen bedeutet das: Die Entscheidung für Zug allein aus steuerlichen Gründen wird fragiler. Der Faktor Infrastruktur und Ökosystem, wo Basel klar führend ist, gewinnt an relativem Gewicht. Für Holding-Gesellschaften ohne operativen Betrieb mag Zug ideal bleiben, doch für F&E-getriebene Biotech-Startups könnte die Nähe zum Basler Cluster entscheidender sein als der letzte Prozentpunkt an Steuerersparnis.

Das Risiko für lokale KMU, wenn ein Pharma-Riese Restrukturierungen ankündigt

Die Konzentration der Pharmaindustrie in der Region Basel ist beeindruckend: Gemäss aktuellen Arbeitsmarktdaten der Region Basel arbeiten hier rund zwei Drittel aller Schweizer Pharma-Angestellten. Diese Dominanz schafft zwar Wohlstand und Arbeitsplätze, birgt aber auch ein erhebliches Klumpenrisiko. Lokale Klein- und Mittelunternehmen (KMU) – von spezialisierten Labordienstleistern über Logistikfirmen bis hin zu Handwerksbetrieben – sind oft existenziell von Aufträgen der grossen Pharma-Konzerne abhängig. Dieser Wertschöpfungs-Dualismus macht sie anfällig für strategische Neuausrichtungen oder Sparprogramme der Giganten.

Wenn ein Konzern wie Roche oder Novartis eine Restrukturierung ankündigt, Forschungsprojekte streicht oder Abteilungen verlagert, hat das einen Dominoeffekt. Für die betroffenen KMU bedeutet dies oft einen abrupten Wegfall von Aufträgen, der kaum zu kompensieren ist. Die starke Spezialisierung auf die Bedürfnisse der Pharmaindustrie, die zuvor ein Wettbewerbsvorteil war, wird plötzlich zur Falle. Eine Diversifizierung der Kundenbasis ist in einem derart konzentrierten Markt extrem schwierig. Die Abhängigkeit ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch personeller Natur: Der Arbeitsmarkt für hochspezialisierte Fachkräfte wird ebenfalls von den Grossen dominiert.

KMU in der Pharma-Zulieferkette der Schweiz

Für KMU in diesem Umfeld ist ein proaktives Risikomanagement daher keine Option, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Es geht darum, Frühwarnindikatoren zu erkennen, die eigene Resilienz zu stärken und Abhängigkeiten strategisch zu reduzieren, ohne die Vorteile der Cluster-Nähe aufzugeben. Dies erfordert eine konstante Marktbeobachtung und den Mut zu strategischen Partnerschaften auch ausserhalb des direkten Pharma-Umfelds.

Aktionsplan zur Risikominimierung für Zulieferer

  1. Kundenbasis diversifizieren: Aktiv Aufträge von mehreren, idealerweise auch kleineren und unabhängigen Pharma- und Biotech-Unternehmen akquirieren.
  2. Frühwarnsysteme etablieren: Quartalsberichte und strategische Ankündigungen der Hauptkunden systematisch monitoren, um frühzeitig auf Veränderungen reagieren zu können.
  3. Flexibilität schaffen: Flexible Arbeitsverträge und eine agile Organisationsstruktur implementieren, um bei Auftragsschwankungen die Kostenstruktur schnell anpassen zu können.
  4. Kooperationen stärken: Strategische Allianzen mit anderen KMU eingehen, um gemeinsam grössere Projekte zu stemmen oder Kapazitäten auszugleichen.
  5. Talentpool nutzen: Bei Restrukturierungen freigesetzte Fachkräfte aktiv rekrutieren, um internes Know-how aufzubauen und neue Dienstleistungen zu entwickeln.

Wann gelingt der Einstieg in die Pharmabranche auch ohne naturwissenschaftliches Studium?

Der Mythos, dass die Pharmaindustrie ausschliesslich Chemiker, Biologen und Mediziner sucht, ist längst überholt. Während ein naturwissenschaftlicher Hintergrund für F&E-Positionen unerlässlich bleibt, haben sich die Anforderungsprofile stark diversifiziert. Die zunehmende Komplexität der Branche, die Digitalisierung und der Fokus auf Effizienz schaffen zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten für Quereinsteiger mit betriebswirtschaftlichem, juristischem, IT- oder ingenieurtechnischem Hintergrund.

Positionen im Supply Chain Management, in der IT-Sicherheit, im regulatorischen Bereich (Regulatory Affairs), im Marketing, im Finanzcontrolling oder im Projektmanagement sind entscheidend für den Erfolg eines Pharmaunternehmens. Hier sind analytische Fähigkeiten, Prozessverständnis und Managementkompetenzen oft wichtiger als tiefgehendes biochemisches Wissen. Unternehmen suchen gezielt nach Talenten, die eine Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schlagen können. Der Schlüssel zum Erfolg für Quereinsteiger liegt darin, die spezifische Sprache und die regulatorischen Rahmenbedingungen der Branche zu erlernen.

Gezielte Weiterbildungen sind hier der wichtigste Hebel. Hochschulen haben diesen Bedarf erkannt und bieten spezialisierte Programme an, die das notwendige Branchenwissen vermitteln. So zeigt die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), wie der Übergang gelingen kann: Mit 5 spezialisierten CAS-Programmen für Life Sciences Quereinsteiger werden gezielt Fachleute aus anderen Branchen für die Pharmaindustrie qualifiziert. Eine Absolventin eines weiterführenden Programms berichtet: „Mit dem Master konnte ich mir das nötige Wissen rund um die Kreislaufwirtschaft aneignen, welches ich für die Firmengründung benötigte.“ Dies unterstreicht, wie spezifisches Zusatzwissen, hier im Bereich Umwelttechnik, Türen öffnen kann, die zuvor verschlossen schienen.

Für einen erfolgreichen Quereinstieg sind drei Faktoren entscheidend: die Fähigkeit, komplexe Prozesse zu managen, eine hohe Lernbereitschaft für regulatorische Details und die Bereitschaft, sich durch eine gezielte Weiterbildung das fehlende Branchenvokabular anzueignen. Wer diese mitbringt, findet in der Pharmaindustrie ein hochattraktives Feld mit vielfältigen Entwicklungschancen.

Biotech oder Software: Welcher Park bietet das beste Ökosystem für Ihre Branche?

Die Switzerland Innovation Parks sind ein zentrales Element der nationalen Innovationsstrategie. Sie sind jedoch keine homogenen Gebilde, sondern hochspezialisierte Ökosysteme, die auf die Bedürfnisse bestimmter Branchen zugeschnitten sind. Für ein Startup oder ein expandierendes Unternehmen ist die Wahl des richtigen Parks eine weitreichende strategische Entscheidung. Es geht nicht nur um Mietflächen, sondern um den Zugang zu einem Netzwerk aus Forschung, Talent und Kapital. Die Frage ist also nicht, *ob* man in einen Park geht, sondern *welcher* Park die entscheidenden Synergien für das eigene Geschäftsmodell bietet.

Die Ausrichtung der Parks ist klar definiert. Der Switzerland Innovation Park Basel Area ist mit seiner direkten Anbindung an die Pharma-Riesen und das Departement für Biosysteme der ETH Zürich (D-BSSE) das unangefochtene Zentrum für Life Sciences und Biotech. Hier finden Startups nicht nur Speziallabore und Reinräume, sondern auch den direkten Austausch mit potenziellen Partnern und Abnehmern aus der Industrie. Die Präsenz des ETH-Departements in Basel schafft einzigartige Synergien zwischen akademischer Spitzenforschung und industrieller Anwendung, was ein ideales Umfeld für Biotech-Innovationen darstellt.

Im Gegensatz dazu hat sich der Park in Zürich auf Robotics, Fintech und Data Science spezialisiert. Mit der Nähe zu Google, der ETH Zürich und dem Finanzplatz Zürich bietet er eine erstklassige Infrastruktur für technologie- und datengetriebene Geschäftsmodelle. Der Biopôle in Lausanne wiederum hat eine Nische in der Konvergenz von Medtech und Health Tech gefunden und bietet ein Umfeld, das auf klinische Tests und die Entwicklung von Medizinprodukten ausgerichtet ist. Die folgende Tabelle aus einem Branchenreport fasst die Schwerpunkte zusammen:

Switzerland Innovation Parks im Vergleich
Innovation Park Fokus Ankerfirmen Infrastruktur-Stärken
Basel Area Life Sciences, Biotech Roche, Novartis, ETH Biosysteme Speziallabore, Reinräume
Zurich Robotics, Fintech, Data Science Google, ETH Zürich, Finanzindustrie Computing-Power, Tech-Hubs
Biopôle Lausanne Health Tech Konvergenz Medtech-Startups Klinische Testumgebung

Die Wahl des Parks ist somit eine Frage der strategischen Passung. Ein Biotech-Startup wäre in Zürich fehl am Platz, während ein Fintech-Unternehmen in Basel kaum die richtigen Ansprechpartner fände. Die Entscheidung muss auf einer tiefgehenden Analyse des jeweiligen Ökosystems und seiner Netzwerkeffekte beruhen.

Warum rechtfertigt das Label „Swiss Made“ einen Preisaufschlag von über 20% im Ausland?

Das Label „Swiss Made“ ist weit mehr als eine Herkunftsbezeichnung; es ist ein globales Synonym für Qualität, Präzision und Vertrauen. In der Pharmaindustrie, wo es um die Gesundheit und das Leben von Menschen geht, ist dieser Vertrauensfaktor von unschätzbarem Wert und rechtfertigt signifikante Preisaufschläge auf dem Weltmarkt. Der Grund dafür liegt nicht in cleverem Marketing, sondern in einem robusten System aus strenger Regulierung, politischer Stabilität und einer langen Tradition wissenschaftlicher Exzellenz. Dieses Gesamtpaket schafft eine Vertrauensbasis, die andere Länder nur schwer kopieren können.

Der Kern dieses Vertrauens ist die strenge Qualitätskontrolle durch Swissmedic, die schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel. Ihre Standards gelten international als äusserst rigoros. Jeder Herstellungsschritt, von der Rohstoffqualität bis zur Verpackung, wird überwacht. Dies garantiert eine gleichbleibend hohe Produktqualität und -sicherheit, was besonders bei hochkomplexen Biologika und Zelltherapien entscheidend ist. Kunden und Zulassungsbehörden im Ausland wissen, dass ein in der Schweiz hergestelltes Medikament diesen hohen Anforderungen entspricht, was den Markteintritt erleichtert und das Vertrauen von Ärzten und Patienten stärkt.

Die politische und wirtschaftliche Stabilität der Schweiz trägt ebenfalls massgeblich zu diesem Image bei. Lieferketten sind zuverlässig, rechtliche Rahmenbedingungen stabil und geistiges Eigentum ist gut geschützt. Diese Verlässlichkeit ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Die wirtschaftliche Bedeutung ist enorm, wie die Exportstatistiken der Schweizer Pharmaindustrie belegen, die fast ein Drittel des gesamten nationalen Exportumsatzes ausmacht. Der Preisaufschlag für „Swiss Made“ ist also keine reine Marge, sondern die Monetarisierung eines über Jahrzehnte aufgebauten, systemischen Vertrauensvorschusses.

Das Wichtigste in Kürze

  • Grosskonzerne bevorzugen den Zukauf von Innovation (Buy-Strategie), was die F&E-Landschaft und den Talentbedarf verändert.
  • Der Steuerwettbewerb zwischen Kantonen wie Zug und Basel ist ein zweischneidiges Schwert, das zwar Firmen anzieht, aber auch Volatilität schafft.
  • Die starke Abhängigkeit lokaler KMU von einzelnen Pharmariesen stellt ein erhebliches systemisches Risiko für den regionalen Arbeitsmarkt dar.

Wie profitieren Sie als Patient von der Schweizer Pharma-Forschung?

Die hohe Dichte an Pharma- und Biotech-Unternehmen in der Schweiz hat nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern führt auch zu einem direkten und greifbaren Nutzen für Patienten im Land. Die geografische Nähe von Spitzenforschung, klinischer Entwicklung und Universitätsspitälern schafft ein einzigartiges Ökosystem, das den Zugang zu innovativen Therapien beschleunigt. Basel allein weist als globaler Pharmastandort die drittgrösste Anzahl an Life-Science-Unternehmen in Europa auf. Diese Konzentration fördert den schnellen Wissensaustausch und ermöglicht es Patienten, frühzeitig von neuen Behandlungsmethoden zu profitieren.

Einer der wichtigsten Vorteile ist der erleichterte Zugang zu klinischen Studien. Schweizer Universitätsspitäler wie das Inselspital in Bern oder das CHUV in Lausanne sind eng mit der Industrie vernetzt und führen zahlreiche Studien für neue Medikamente durch. Für Patienten mit schweren oder seltenen Erkrankungen, für die es noch keine Standardtherapie gibt, kann die Teilnahme an einer solchen Studie eine lebensverändernde Chance sein. Sie erhalten Zugang zu modernsten Medikamenten, oft Jahre bevor diese auf den Markt kommen, und werden dabei von einem hochspezialisierten medizinischen Team eng betreut.

Darüber hinaus gibt es in der Schweiz etablierte Wege, um auch ausserhalb von Studien an noch nicht zugelassene Medikamente zu gelangen, beispielsweise über „Compassionate Use“-Programme. Patientenorganisationen spielen hierbei eine entscheidende Rolle als Navigatoren und Unterstützer. Sie bieten nicht nur Informationen, sondern auch konkrete Hilfe bei der Kontaktaufnahme mit den richtigen Stellen. Die Zugangswege für Patienten zu innovativen Therapien sind vielfältig:

  • Information über klinische Studien: Universitätsspitäler sind die erste Anlaufstelle, um sich über laufende Forschungsprojekte zu informieren.
  • Kontakt zu Patientenorganisationen: Organisationen wie die Krebsliga Schweiz oder ProRaris für seltene Krankheiten bieten wertvolle Beratung und Unterstützung.
  • Gespräch mit dem behandelnden Arzt: Ärzte können die Eignung für eine Studienteilnahme prüfen und den Kontakt herstellen.
  • Nutzung von „Compassionate Use“-Programmen: Für besonders schwere Fälle kann der Zugang zu noch nicht zugelassenen Medikamenten beantragt werden.

Diese enge Verzahnung von Forschung, Klinik und Patientenvertretung sorgt dafür, dass die Früchte der milliardenschweren F&E-Investitionen direkt bei den Menschen in der Schweiz ankommen. Der Status als führender Pharmastandort ist somit nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein gesundheitspolitischer Standortvorteil.

Um in diesem komplexen und dynamischen Umfeld erfolgreich zu navigieren, ist es für Fachkräfte und Unternehmen unerlässlich, diese zugrunde liegenden Cluster-Dynamiken kontinuierlich zu analysieren und in die eigene strategische Planung zu integrieren.

Geschrieben von Regula Aebischer, Unternehmensberaterin für KMU-Nachfolge und Familienverfassungen mit Sitz in St. Gallen. Expertin für Strategieentwicklung und Konfliktlösung in Schweizer Familienunternehmen.