Jugendliche am Scheideweg zwischen Berufslehre und Gymnasium in der Schweiz
Veröffentlicht am März 18, 2024

Entgegen der Annahme, das Gymnasium sei der einzige Weg zum Erfolg, erweist sich die Berufslehre in der Schweiz oft als strategischer Karriere-Beschleuniger.

  • Praxisnahe Ausbildung führt zu einem früheren Berufseinstieg und einem wertvollen Erfahrungsvorsprung.
  • Die Durchlässigkeit des Systems ermöglicht es, über höhere Fachschulen und Fachhochschulen Spitzenpositionen und hohe Einkommen zu erreichen.

Empfehlung: Betrachten Sie die Berufslehre nicht als Alternative, sondern als eine eigenständige, leistungsstarke Form der Karriere-Architektur, die perfekt auf die Stärken und Interessen Ihres Kindes zugeschnitten werden kann.

Die Wahl zwischen Berufslehre und Gymnasium ist eine der prägendsten Entscheidungen im Leben eines jungen Menschen in der Schweiz. Viele Eltern hegen die Sorge, dass eine Lehre die Zukunftschancen ihres Kindes schmälern könnte. Der gängige Rat lautet oft, das Gymnasium sei der „sichere“ Weg zu einer erfolgreichen Karriere und einem hohen Einkommen. Man verbindet den akademischen Weg instinktiv mit Prestige und besseren Möglichkeiten, während die Lehre manchmal als Plan B für jene gilt, denen der schulische Weg nicht liegt.

Doch was, wenn diese weitverbreitete Annahme auf einem veralteten Bild beruht? Was, wenn die wahre Stärke des Schweizer Bildungssystems nicht in der Trennung, sondern in der intelligenten Verknüpfung dieser beiden Wege liegt? Die Berufslehre ist weit mehr als nur eine praktische Ausbildung. Sie ist das Fundament einer durchdachten Karriere-Architektur, die es ermöglicht, praktische Erfahrung früh zu monetarisieren und sich gezielt weiterzuentwickeln. Der angebliche Umweg über die Lehre entpuppt sich bei genauerem Hinsehen oft als strategische Abkürzung zu beruflichem und finanziellem Erfolg.

Dieser Artikel bricht mit dem Mythos des Gymnasiums als einzigem Königsweg. Wir werden aufzeigen, wie das duale System funktioniert und warum es jungen Menschen ermöglicht, ihre Karriere von Anfang an aktiv zu gestalten. Anstatt einer theoretischen Debatte folgen wir den konkreten Wegen, die von der Werkbank ins Ingenieurbüro, vom Lehrling zum erfolgreichen Unternehmer führen, und beleuchten die finanziellen und beruflichen Vorteile, die sich daraus ergeben.

Um Ihnen einen klaren Überblick über die vielfältigen Aspekte und Chancen der Berufsbildung zu geben, haben wir die wichtigsten Themen für Sie strukturiert. Der folgende Inhalt führt Sie durch die entscheidenden Fragen, von finanziellen Vorteilen über konkrete Karrierepfade bis hin zu praktischen Tipps für den gesamten Prozess.

Warum verdienen Abgänger einer Berufslehre mit Weiterbildung oft mehr als reine Akademiker?

Das Bild vom „Buezer“, der deutlich weniger verdient als der Akademiker, ist tief in den Köpfen verankert. Doch die Realität des Schweizer Arbeitsmarktes zeichnet ein differenzierteres und oft überraschendes Bild. Der Schlüssel liegt nicht im initialen Abschluss, sondern in der Kombination aus frühem Berufseinstieg und strategischer Weiterbildung. Dieses Phänomen lässt sich als Einkommens-Paradox bezeichnen: Wer früher praktisch arbeitet und gezielt in seine Bildung investiert, kann am Ende finanziell besser dastehen.

Der Grund dafür ist die sogenannte Praxis-Rendite. Während Studierende mehrere Jahre ohne nennenswertes Einkommen an der Universität verbringen und oft erst mit Mitte zwanzig ins Berufsleben starten, sammeln Lernende bereits ab 16 Jahren wertvolle Berufserfahrung und verdienen ihr erstes Geld. Dieser finanzielle und praktische Vorsprung von vier bis fünf Jahren ist ein entscheidender Faktor. Eine Studie zeigt, dass Absolventen mit Berufsmaturität bereits nach fünf Jahren Berufserfahrung ein höheres Medianeinkommen erzielen können. Konkret zeigt eine Analyse, dass Personen mit abgeschlossener Lehre und Berufsmaturität nach fünf Jahren im Job im Schnitt 68’760 CHF jährlich verdienen, verglichen mit 63’240 CHF bei jenen mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) ohne Berufsmaturität.

Besonders deutlich wird dieser Vorteil in stark nachgefragten Branchen wie der IT. Hier erreichen Berufsleute mit Weiterbildungen oft schneller hohe Gehälter als manche Universitätsabsolventen, insbesondere aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Der frühe Einstieg ermöglicht es ihnen, technologische Entwicklungen direkt im Job mitzuerleben und ihr Wissen unmittelbar anzuwenden, was von Arbeitgebern hoch geschätzt wird.

Natürlich ist der akademische Weg für viele Berufe unerlässlich und richtig. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) stellt in seinem Verteilungsbericht kritisch die Frage, ob der Leitsatz der Lehre als „Königsweg“ noch uneingeschränkt gilt:

Es stellt sich die Frage, ob der Glaubenssatz der Schweizer Bildungspolitik, ‚die Lehre ist der Königsweg‘, überhaupt noch zutrifft.

– Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Verteilungsbericht SGB

Die Antwort liegt jedoch nicht in einem „Entweder-oder“, sondern in einem „Sowohl-als-auch“. Die Stärke des Systems liegt in seiner Durchlässigkeit. Eine Berufslehre schliesst ein späteres Studium an einer Fachhochschule (FH) oder über Umwege sogar an einer Universität nicht aus – sie bereitet oft ideal darauf vor. Der finanzielle Vorteil entsteht somit nicht trotz, sondern wegen der Kombination aus Praxis und gezielter Höherqualifizierung.

Wie wird man vom Maurer zum Bauingenieur ohne Matura?

Die Vorstellung, dass man für eine Ingenieurskarriere zwingend das Gymnasium und ein universitäres Studium benötigt, ist ein hartnäckiges Missverständnis. Das Schweizer Bildungssystem ist berühmt für seinen Durchlässigkeits-Vorteil, der beeindruckende Karrierewege ermöglicht, die auf einer Berufslehre aufbauen. Das Beispiel des Maurers, der zum Bauingenieur aufsteigt, ist ein Paradebeispiel für diese systematische Karriere-Architektur. Es zeigt, wie praktische Expertise und theoretisches Wissen Stufe um Stufe miteinander verknüpft werden.

Der Weg ist anspruchsvoll, aber klar strukturiert und steht jedem motivierten Lernenden offen. Er kombiniert die Arbeit auf der Baustelle mit gezielten Weiterbildungen an Berufsschulen, Höheren Fachschulen (HF) und schliesslich Fachhochschulen (FH). Jede Stufe baut auf der vorherigen auf und qualifiziert für mehr Verantwortung und komplexere Aufgaben. Der entscheidende Vorteil: Das theoretisch Gelernte kann sofort in der Praxis angewendet und vertieft werden, was zu einem tiefen und nachhaltigen Verständnis der Materie führt.

Visueller Bildungspfad vom Handwerker zum Ingenieur in der Schweiz

Wie die Visualisierung andeutet, ist dies kein Bruch, sondern eine logische Entwicklung. Der Weg vom praktischen Handwerk zur Ingenieurwissenschaft ist eine Leiter, die man Sprosse für Sprosse erklimmt. Hier sind die konkreten Etappen dieses beeindruckenden Karrierepfads:

  1. Schritt 1: Abschluss Maurer EFZ (3 Jahre Berufslehre): Das Fundament wird mit einer soliden handwerklichen Ausbildung und dem Erwerb des Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses gelegt.
  2. Schritt 2: Berufserfahrung und Vorarbeiter-Prüfung: Nach der Lehre wird praktische Erfahrung gesammelt. Die Berufsprüfung zum Vorarbeiter ist der erste Schritt in eine Führungsposition.
  3. Schritt 3: Weiterbildung zum Polier (Höhere Fachprüfung): Als Polier übernimmt man die Leitung von Baustellen und Teams. Diese Höhere Fachprüfung ist ein anerkannter Abschluss auf Tertiärstufe.
  4. Schritt 4: Dipl. Techniker HF Bauführung: An einer Höheren Fachschule wird das theoretische Wissen vertieft. Dieser Abschluss qualifiziert für komplexe leitende Tätigkeiten in der Bauführung.
  5. Schritt 5: Zulassung zum Bauingenieur-Studium (FH): Mit dem Abschluss als Techniker HF und entsprechender Berufserfahrung ist eine Zulassung „sur dossier“ (aufgrund des Dossiers) zum Bachelor-Studium in Bauingenieurwesen an einer Fachhochschule möglich – ganz ohne gymnasiale Maturität.

Dieser Weg zeigt eindrücklich: Die Berufslehre ist kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt für eine hochqualifizierte Karriere. Sie schafft ein Fundament aus praktischem Wissen, das von Akademikern oft erst mühsam nachgeholt werden muss.

Lehrlinge ausbilden oder Fachkräfte einkaufen: Was rechnet sich für Ihr KMU langfristig besser?

Für viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Schweiz stellt sich regelmässig die strategische Frage: Sollen wir in die Ausbildung von Lernenden investieren oder bei Bedarf fertige Fachkräfte auf dem Markt rekrutieren? Auf den ersten Blick scheint der „Einkauf“ von externem Personal einfacher und schneller. Doch eine langfristige Betrachtung zeigt, dass die Ausbildung eigener Fachkräfte oft die weitaus rentablere und nachhaltigere Strategie ist. Dies gilt insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels, wo gutes Personal rar und teuer ist.

Die Entscheidung ist eine klassische „Make-or-Buy“-Abwägung. Während die externe Rekrutierung sofortige Produktivität verspricht, ist sie mit hohen einmaligen Kosten für Vermittler und einem grösseren Risiko verbunden, da die kulturelle Passung und die Loyalität des neuen Mitarbeiters ungewiss sind. Die Ausbildung von Lernenden hingegen ist eine Investition in die Zukunft. Sie ermöglicht es dem Unternehmen, Mitarbeitende exakt nach den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Firmenkultur zu formen. Diese „hausgemachten“ Fachkräfte entwickeln oft eine starke emotionale Bindung an den Betrieb, was die Mitarbeiterfluktuation deutlich senkt.

Der Kosten-Nutzen-Vergleich zeigt, dass sich die anfänglich hohen Bruttokosten für die Ausbildung durch den produktiven Beitrag der Lernenden bereits während der Lehrzeit relativieren. Der langfristige Nettonutzen übersteigt die Kosten in den meisten Fällen deutlich, wie eine vergleichende Analyse der betriebswirtschaftlichen Aspekte zeigt.

Kosten-Nutzen-Vergleich: Lehrlingsausbildung vs. Externe Rekrutierung
Aspekt Lehrlingsausbildung Externe Rekrutierung
Durchschnittskosten CHF 25’000-30’000 pro Jahr CHF 15’000-25’000 einmalig (Vermittler)
Produktiver Beitrag Ab 2. Lehrjahr ca. 60% Arbeitsleistung 100% ab Tag 1 (nach Einarbeitung)
Loyalität/Bindung Hoch (70% bleiben im Betrieb) Mittel (50% wechseln in 3 Jahren)
Know-how-Sicherung Sehr gut (betriebsspezifisch) Extern geprägt

Die Entscheidung für die Ausbildung ist somit nicht nur eine Frage der sozialen Verantwortung, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Angesichts der Tatsache, dass in technischen Branchen laut Swissmem rund 9% der ausgeschriebenen Lehrstellen unbesetzt bleiben, wird die Sicherung des eigenen Nachwuchses zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Ein KMU, das heute ausbildet, sichert sich nicht nur loyale Fachkräfte von morgen, sondern auch das Überleben des eigenen Betriebs.

Der Fehler im Krisengespräch, der Jugendliche zum kompletten Abbruch der Ausbildung treibt

Eine Krise während der Lehre ist kein seltenes Ereignis. Konflikte mit dem Berufsbildner, Überforderung oder persönliche Probleme können dazu führen, dass Jugendliche über einen Abbruch nachdenken. In dieser heiklen Phase ist die Reaktion der Eltern von entscheidender Bedeutung. Der grösste Fehler, den Eltern hier machen können, ist die automatische und einseitige Parteinahme für ihr Kind, ohne die Situation objektiv zu analysieren und das Gespräch mit allen Beteiligten zu suchen. Dieses Verhalten eskaliert den Konflikt oft, anstatt ihn zu lösen, und treibt den Jugendlichen erst recht in den Lehrabbruch.

Wenn ein Kind von Problemen berichtet, ist der natürliche Instinkt, es zu beschützen. Doch ein Lehrverhältnis ist ein Dreiecksverhältnis zwischen Lernendem, Lehrbetrieb und Berufsschule. Eine voreilige Schuldzuweisung an den Betrieb verhärtet die Fronten und macht eine konstruktive Lösung fast unmöglich. Stattdessen ist es die Aufgabe der Eltern, als Moderator und Unterstützer zu agieren. Der erste Schritt sollte immer sein, dem eigenen Kind genau zuzuhören, aber auch kritische Fragen zu stellen, um die ganze Geschichte zu verstehen.

Der absolut entscheidende zweite Schritt ist die Kontaktaufnahme mit dem Berufsbildner. Ein offenes, ruhiges und lösungsorientiertes Gespräch kann oft Wunder wirken. Viele Missverständnisse lassen sich so aus der Welt schaffen. Hier ist eine vermittelnde Haltung gefragt, die zeigt, dass man an einer gemeinsamen Lösung interessiert ist.

Mediationsgespräch zwischen Lehrling, Eltern und Berufsbildner

Sollte ein direktes Gespräch nicht fruchten, ist es wichtig, nicht sofort die Kündigung als einzige Option zu sehen. In jedem Kanton gibt es kantonale Berufsbildungsämter, die als neutrale Mediatoren agieren. Sie sollten kontaktiert werden, bevor die Situation eskaliert. Diese Ämter können professionelle Unterstützung bieten und alternative Lösungen aufzeigen, wie zum Beispiel einen internen Abteilungswechsel, die Suche nach einem neuen Lehrbetrieb unter Beibehaltung des Lehrjahres oder ein temporäres Coaching für den Lernenden. Ein Lehrabbruch sollte immer die allerletzte Option sein, wenn alle anderen Wege ausgeschöpft sind.

Wann sollten Sie einen Lehrvertrag nicht unterschreiben, auch wenn es das einzige Angebot ist?

Die Freude über das erste Lehrstellenangebot ist riesig. Nach unzähligen Bewerbungen und Schnupperlehren fühlt es sich wie ein grosser Sieg an. In dieser Euphorie neigen viele Jugendliche und ihre Eltern dazu, den Lehrvertrag schnell zu unterschreiben, ohne ihn im Detail zu prüfen – besonders, wenn es das einzige Angebot auf dem Tisch ist. Doch genau hier ist Vorsicht geboten. Ein schlechter Lehrvertrag kann der Beginn von drei oder vier problematischen Jahren sein. Es gibt klare Warnsignale („Red Flags“), bei denen man innehalten und den Vertrag kritisch hinterfragen sollte, selbst wenn der Druck gross ist.

Ein Lehrvertrag ist nicht nur eine Formalität; er ist das rechtliche Fundament der gesamten Ausbildung. Er regelt die Rechte und Pflichten beider Seiten und muss fair und transparent sein. Ein unseriöser Vertrag kann auf einen Betrieb hindeuten, der es mit der Ausbildungsverantwortung nicht so genau nimmt. Anzeichen dafür sind unklare Formulierungen, fehlende Angaben zu wichtigen Punkten oder Bedingungen, die den Lernenden unangemessen benachteiligen.

Besonders wichtig ist es, auf den Lohn, die Arbeitszeiten und die Beschreibung der Tätigkeiten zu achten. Der Lohn sollte den branchenüblichen Empfehlungen entsprechen. Eine Abweichung von mehr als 20% nach unten ist ein klares Warnsignal. Ebenso müssen die Regelungen zu Überstunden und Ferien klar definiert sein. Wenn der Vertrag schwammig formuliert oder unvollständig ist, sollten Sie unbedingt nachfragen und um eine schriftliche Präzisierung bitten. Im Zweifelsfall können die kantonalen Berufsbildungsämter oder Berufsverbände den Vertrag prüfen und eine Einschätzung abgeben.

Es ist besser, ein schlechtes Angebot abzulehnen und weiterzusuchen, als sich auf eine Ausbildung einzulassen, die von Anfang an unter keinem guten Stern steht. Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, die wichtigsten Punkte im Lehrvertrag zu überprüfen, bevor Sie unterschreiben.

Ihre Checkliste: Warnsignale im Lehrvertrag

  1. Lohn prüfen: Liegt der angebotene Lohn deutlich (mehr als 20%) unter den offiziellen Empfehlungen Ihres Berufsverbandes?
  2. Tätigkeiten analysieren: Fehlt eine klare Beschreibung der Aufgaben und Lernziele oder ist sie zu allgemein gehalten?
  3. Überstundenregelung kontrollieren: Ist die Kompensation von Überstunden (Freizeit oder Lohnzuschlag) nicht klar geregelt?
  4. Klauseln hinterfragen: Enthält der Vertrag übermässige Konkurrenzklauseln oder Verpflichtungen zur Rückzahlung von Ausbildungskosten bei einem Abbruch?
  5. Qualifikation des Berufsbildners sicherstellen: Ist nicht klar ersichtlich, ob der zuständige Berufsbildner über die notwendige offizielle Qualifikation (z.B. Berufsbildnerkurs) verfügt?

Ein „Nein“ zu einem schlechten Vertrag ist kein Scheitern, sondern ein Akt der Selbstachtung und ein wichtiger Schritt, um eine qualitativ hochstehende Ausbildung zu gewährleisten.

Warum suchen IT- und Gesundheitswesen händeringend Personal, während andere Branchen abbauen?

Die Berufswahl ist immer auch eine strategische Wette auf die Zukunft. Nicht alle Branchen bieten die gleichen langfristigen Perspektiven. Während einige Sektoren mit strukturellen Veränderungen und Personalabbau kämpfen, erleben andere einen regelrechten Boom und einen akuten Fachkräftemangel. An der Spitze dieser Entwicklung stehen in der Schweiz unangefochten das Gesundheitswesen und die IT-Branche. Für Jugendliche, die heute vor der Berufswahl stehen, bedeutet dies eine ausserordentliche Chance.

Der Grund für diesen Mangel ist tiefgreifend und strukturell. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche, was eine unersättliche Nachfrage nach ICT-Fachkräften erzeugt. Gleichzeitig führt der demografische Wandel zu einer alternden Bevölkerung, was den Bedarf an medizinischem und pflegerischem Personal explodieren lässt. Der aktuelle Fachkräftemangel-Index der Universität Zürich bestätigt dies mit beeindruckenden Werten: Das Gesundheitswesen und die IT-Branche weisen die höchsten Indizes auf, was auf einen extrem angespannten Arbeitsmarkt für qualifizierte Arbeitskräfte hindeutet.

Sich für eine Lehre in einem dieser Sektoren zu entscheiden, ist daher eine kluge Karriereentscheidung. Es bedeutet nicht nur eine hohe Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch exzellente Lohn- und Entwicklungsperspektiven. Die Unternehmen und Spitäler überbieten sich teilweise gegenseitig, um qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen und zu halten.

Fallbeispiel: Der enorme Bedarf an ICT-Fachkräften bis 2030

Eine Studie von ICT-Berufsbildung Schweiz verdeutlicht die Dringlichkeit der Lage: Bis zum Jahr 2030 werden in der Schweiz rund 120’000 neue ICT-Fachkräfte benötigt. Erstaunlich ist dabei, dass rund 68% dieser Spezialisten ausserhalb der eigentlichen IT-Kernbranche arbeiten – also in Banken, Versicherungen, in der Industrie oder der Verwaltung. Dies zeigt, dass digitale Kompetenzen heute in jedem Sektor entscheidend sind. Trotz dieser riesigen Nachfrage ist die Ausbildungsquote noch zu niedrig. Eine Lehre als Informatiker/in EFZ oder Mediamatiker/in EFZ ist somit ein goldenes Ticket in eine zukunftssichere Karriere.

Für junge Menschen bedeutet das: Wer eine Affinität für Technik, Logik und Problemlösungen hat oder wer gerne mit und für Menschen arbeitet, findet in der IT und im Gesundheitswesen ein Feld mit enormem Potenzial. Eine Lehre als Fachmann/-frau Gesundheit (FaGe), Pflegefachperson HF oder Informatiker/in EFZ ist eine Investition in eine gesicherte und vielversprechende berufliche Zukunft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Einkommens-Paradox: Eine Lehre mit Weiterbildung kann langfristig zu einem höheren Lebenseinkommen führen als ein reines Studium.
  • Der Durchlässigkeits-Vorteil: Das Schweizer System ermöglicht beeindruckende Karrieren vom Handwerk bis zum Ingenieurstudium, auch ohne Matura.
  • Strategische Berufswahl: Branchen wie IT und Gesundheit bieten aufgrund des extremen Fachkräftemangels ausserordentliche Job- und Lohnsicherheit.

Verkaufen oder in der Familie übergeben: Welche Option sichert das Lebenswerk besser?

Für viele Inhaber von Schweizer KMU ist die Nachfolgeplanung die emotionalste und schwierigste unternehmerische Entscheidung. Das eigene Lebenswerk in die richtigen Hände zu geben, ist eine immense Verantwortung. Oft stehen sie vor der Wahl: an einen externen Investor verkaufen oder das Unternehmen innerhalb der Familie weitergeben? Doch es gibt eine dritte, oft übersehene Option, die das Beste aus beiden Welten vereinen kann: die Übergabe an einen ehemaligen, selbst ausgebildeten Lehrling.

Diese Form der Nachfolge bietet eine einzigartige Möglichkeit zur Lebenswerk-Sicherung. Ein Mitarbeiter, der seine Lehre im Betrieb absolviert hat, kennt nicht nur die technischen Abläufe und die Kunden, sondern hat auch die Firmenkultur und die Werte des Gründers verinnerlicht. Er oder sie ist oft loyaler und emotional stärker mit dem Unternehmen verbunden als jedes externe Management. Eine solche Übergabe sichert die Kontinuität und bewahrt die Identität des Unternehmens auf eine Weise, die ein Verkauf an einen anonymen Investor selten leisten kann.

Die Geschichte von Florin Läubin, der das Gymnasium für eine technische Lehre verliess, illustriert dieses Potenzial perfekt. Seine Mutter hatte anfangs grosse Bedenken, doch heute sieht sie die Vorteile klar.

Er hat alle Chancen der Welt und in einigen Bereichen mehr gelernt als er das im Gymi getan hätte.

– Mutter von Florin Läubin, SRF Kultur

Solche Biografien sind der Nährboden für ideale Nachfolger. Sie kombinieren praktische Exzellenz mit unternehmerischem Potenzial. Durch gezielte Weiterbildungen, beispielsweise an einer Höheren Fachschule (HF) zum Techniker oder an einer Fachhochschule (FH) zum Betriebsökonomen, erwerben sie das nötige Rüstzeug, um ein KMU erfolgreich in die Zukunft zu führen. Dass dieser Weg kein Nischenphänomen ist, beweist der Bildungsbericht 2023 eindrücklich: Über 60% aller Tertiärabschlüsse in der Schweiz werden von Personen erworben, die ihre Karriere mit einer beruflichen Grundbildung gestartet haben. Dies unterstreicht, dass die Lehre die wichtigste Zubringerin für hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte ist – und damit auch für zukünftige Unternehmer.

Für KMU-Inhaber bedeutet das: Der beste Nachfolger arbeitet möglicherweise bereits im eigenen Betrieb. In die Ausbildung und Förderung junger Talente zu investieren, ist nicht nur eine Sicherung des Fachkräftebedarfs, sondern die vielleicht beste Strategie zur Sicherung des eigenen Lebenswerks.

Wie finden und meistern Jugendliche eine anspruchsvolle Berufslehre in der Schweiz?

Eine Lehrstelle in einem begehrten Beruf zu finden, ist trotz Fachkräftemangel kein Selbstläufer. Gerade in zukunftsträchtigen Branchen wie der Informatik ist die Konkurrenz gross, und die Unternehmen können sich die besten Talente aussuchen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer frühzeitigen, strategischen und proaktiven Vorbereitung. Jugendliche, die sich gut organisieren und ihre Stärken gezielt präsentieren, haben die besten Karten, um ihre Traumlehrstelle zu ergattern und die Ausbildung erfolgreich zu meistern.

Der Prozess der Lehrstellensuche beginnt idealerweise schon in der 7. oder 8. Klasse mit der Erkundung der eigenen Interessen und Stärken, zum Beispiel bei einem Besuch im regionalen Berufsinformationszentrum (BIZ). Der Wettbewerb wird härter, denn das Bundesamt für Statistik prognostiziert einen Anstieg der Lernenden im ersten Lehrjahr um rund 10% bis 2033. Der erste Eindruck zählt enorm. Ein professionelles Bewerbungsdossier ist die Eintrittskarte. Doch heute geht es um mehr als nur gute Noten. Unternehmen suchen nach motivierten Persönlichkeiten. Ein persönliches Portfolio, zum Beispiel eine eigene kleine Website oder ein GitHub-Profil für angehende Informatiker, kann den entscheidenden Unterschied machen.

Schnupperlehren sind ein weiteres zentrales Element. Sie sollten nicht nur dazu genutzt werden, einen Beruf kennenzulernen, sondern auch, um aktiv ein Netzwerk aufzubauen. Ein positiver Eindruck während der Schnupperlehre kann die Tür für eine spätere Bewerbung weit aufstossen. Ebenso wichtig ist die gezielte Vorbereitung auf standardisierte Eignungstests wie den Multicheck oder Basic-Check, die in vielen Branchen zur Vorauswahl genutzt werden.

Die folgenden Strategien haben sich in der Praxis bewährt, um sich von der Masse abzuheben und eine Lehrstelle in einem anspruchsvollen Umfeld zu sichern:

  • Frühzeitige Nutzung von Online-Portalen: Plattformen wie Yousty oder Gateway.one sind die wichtigsten Drehscheiben für Lehrstellen. Richten Sie frühzeitig ein aussagekräftiges Profil ein.
  • Besuch von kantonalen Berufsmessen: Der persönliche Kontakt zu Berufsbildnern und Lernenden ist unbezahlbar. Hier können Sie Fragen stellen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
  • Netzwerkaufbau durch Schnupperlehren: Zeigen Sie Engagement, stellen Sie Fragen und vernetzen Sie sich mit den Mitarbeitenden.
  • Erstellung eines persönlichen Portfolios: Dokumentieren Sie eigene kleine Projekte, um Ihre Leidenschaft und Ihre Fähigkeiten zu beweisen.
  • Gezielte Vorbereitung auf Eignungstests: Nutzen Sie die verfügbaren Übungsmaterialien, um sich mit dem Format und den Anforderungen der Tests vertraut zu machen.

Die Suche nach einer anspruchsvollen Lehrstelle ist der erste Schritt einer erfolgreichen Karriere. Mit der richtigen Strategie und einer Portion Engagement können Jugendliche diesen wichtigen Meilenstein meistern und den Grundstein für eine vielversprechende Zukunft legen. Für eine erfolgreiche Karriere ist es entscheidend, nicht nur einen Job zu finden, sondern eine Berufung, die den eigenen Talenten entspricht und langfristige Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Um diese Herausforderung zu meistern, ist es hilfreich, die erfolgreichsten Strategien für die Lehrstellensuche zu kennen und anzuwenden.

Um Ihr Kind auf diesem Weg optimal zu unterstützen, ist der nächste logische Schritt, die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Informieren Sie sich gemeinsam über konkrete Berufe, besuchen Sie Berufsmessen und nutzen Sie die Beratungsangebote der kantonalen Berufsinformationszentren (BIZ).

Häufige Fragen zur Berufsbildung in der Schweiz

Was ist der häufigste Fehler von Eltern bei Lehrabbrüchen?

Der häufigste Fehler ist die einseitige Parteinahme für das eigene Kind, ohne alle Fakten zu kennen und ohne proaktiv das Gespräch mit dem Berufsbildner zu suchen. Dies führt oft zu einer Verhärtung der Fronten anstatt zu einer Lösung.

Wann sollten kantonale Berufsbildungsämter kontaktiert werden?

Sie sollten bereits bei den ersten Anzeichen von ernsthaften Konflikten oder unlösbaren Problemen kontaktiert werden, idealerweise bevor eine Kündigung im Raum steht. Die Ämter agieren als neutrale Mediatoren und können helfen, Lösungen zu finden.

Gibt es Alternativen zum sofortigen Lehrabbruch?

Ja, es gibt mehrere Alternativen. Dazu gehören ein interner Wechsel der Abteilung, die Suche nach einem neuen Lehrbetrieb mit Unterstützung des Amtes, um das Lehrjahr nicht zu verlieren, oder ein temporäres Coaching, um den Lernenden zu stabilisieren und zu unterstützen.

Geschrieben von Daniel Bindschedler, Berufsbildungsexperte und HR-Strategist, spezialisiert auf das Schweizer Dualsystem und Karriereplanung. Ehemaliger Leiter Personalentwicklung in einem grossen Industrieunternehmen.